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Oskar Roehler-Film : Nur zweimal lacht das Publikum

Ehe-Paar Müller-Todt (Katja Riemann und Oliver Masucci) kann sich vor Angeboten kaum retten. Bild: dpa

Sklave/in gesucht: Es reicht nicht, Oskar Roehlers Film „Herrliche Zeiten“, der mit Motiven von Thor Kunkel spielt, als alberne Männerfantasie abzutun. Die Satire führt ins Dunkel.

          Dass es hier um Herren mit schneidig im Rachen geschnarrtem Vielfach-R geht, um Herrrschaft und Herrrenmenschen in übelster deutscher Tradition also, zeigt der schon vor seinem Start skandalumwitterte neue Film von Oskar Roehler gleich typographisch: „HERRliche Zeiten“, liest es sich kapital überbetont auf den Kinoplakaten, und auch die Typenzeichnung auf der Leinwand kommt schauerlich vertraut daher: Als prollig-neureicher Bourgeois und Schönheitschirurg Claus Müller-Todt (Achtung, sprechender Name), dessen Fettabsauge-Operationen systematischen Vergewaltigungen gleichen, ist Oliver Masucci fast wieder da, wo vor ein paar Jahren in David Wnendts Hitler-Farce war.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jedes Lachen ist ein aggressives Zähnefletschen, Claus will herrschen, weil es ihm gefällt, wenn andere buckelnd die Drecksarbeit machen, während er selbst mit Drink in der Hand und geckenhaft bunter Garderobe am Leib durch seine Villa schlendert. Selbst die von Skrupel, Neurosen und Tablettensucht geplagte Gattin Evi, in deren Rolle Katja Riemann irgendwo zwischen Ophelia, Eva Braun und Flokati im Walla-Wallhalla-Gewand wandelt, findet, da wachse man doch innerlich gleich ein paar Zentimeter.

          Notorisch auf Hinternhöhe

          Aber das ist erst der Auftakt dieser schwarzen Satire. Als die Putzfrau kündigt und Claus im Suff „Sklave/in gesucht“ annonciert, steht erst die rheinische Sado-Maso-Szene am Zaun, dann ein kleiner, wohlerzogen auftretener Herr, nein, Diener. Der Bulgare Bartos, von Samuel Finzi als Schlange im Paradies gespielt, bietet sich als Sklave an, säuselt von der Würde der Knechtschaft und offeriert die eigene knapp bekleidete Gattin, der die Kamera notorisch auf Hinternhöhe folgt, dem Hausherrn fürs Bett.

          Optisch sexy soll das Lust-auf-Unterwerfung-und-Bestrafung-Spektakel durch Ausflüge nach nebenan werden, wo der Nachbar – ein bossmäßig auftretender, ölreicher Exil-Iraker aus dem Dunstkreis Saddam Husseins – die europäische Sklavenhaltergesellschaft in Römer-Mottopartys mit Nutten wiederaufleben lässt. Irgendwo zwischen den Erfolgen von „Fifty Shades of Grey“ und „Downton Abbey“, legt Roehler nahe, müsse die hässliche Wahrheit über unsere dekadente Sushi-Gesellschaft vergraben liegen wie eine Leiche unterm Pool. Claus dreht auf. Befehlen, ausbeuten, erniedrigen, bis aufs Blut bestrafen, mit Nachbar Mohammed Enthauptungsbilder im Folterkeller auf dem Handy gucken – und dann auf zum Kettensägenmassaker. Wir schauen zu.

          Macht das Spaß? Im Kino lachte das Publikum nur zweimal, das kann aber natürlich auch Zufall gewesen sein: einmal, als Katja Riemann mit ihrer albernen Perücke ins Bild tritt, einmal, als das Paar in brauner Brühe badet. Dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt bei dieser grausamen Geschichte, ist Kalkül, das mit der braunen Brühe auch. Die Buchvorlage zu „Herrliche Zeiten“, der Roman „Subs“, stammt von Roehlers „Kumpel“ Thor Kunkel. Der wiederum schoss sich vor zwanzig Jahren in Klagenfurt mit seinem Erstling „Das Schwarzlicht-Terrarium“ in die erste Reihe des deutschsprachigen Literaturbetriebs, mit seinem NS-Porno-Roman „Endstufe“ in die Skandalzone und zuletzt als von der Presse enttarnter Werber, der die Wahlkampagne der AfD verantwortlich zeichnet, ins rechte Abseits.

          Zauberwort Ironie

          Ein Kumpan ganz nach Roehlers Geschmack, möchte man meinen. Der Regisseur liebt den Skandal, er gießt seinen Hass auf kleinbürgerliche und altlinke Durchschnittsmenschen in Bücher wie „Selbstverfickung“ und Filme, die, politische Korrektheiten niedermähend, im Faulschlamm von Vergangenheit und Gegenwart wühlen: „Elementarteilchen“ nach Houellebecq, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“. Roehler will den Stoff für „Herrliche Zeiten“ vor Kunkels AfD-Annäherung entdeckt haben, doch was heißt das schon. Man entwickelt politische Haltungen ja nicht aus dem Nichts. Dass man fragen kann, wie viel rechter Populismus in dem Spielfilm versteckt ist, der nun nur noch unter „nach Motiven“ von Kunkel firmiert und zu dem Jan Berger das Drehbuch geschrieben hat, gehört zu Roehlers punkigen Provokationsgestenrepertoire.

          Er kennt auch das Zauberwort, mit dem man alle nur denkbaren Unsagbarkeiten sagbar machen kann: Ironie. Der schillernde Nebeneffekt ist, dass wer immer gewillt ist, die Sache wörtlich zu nehmen, an ihr gleichfalls seinen Spaß haben kann. Wenn also bei Roehler der muskelbepackte, von bewaffneten Gorillas bewachtete Orientale seinem Lehrling Claus sagt, dass Deutschland ein Land voller Schwuchteln sei, die von einer Frau regiert würden, die sie Mutti nennen, und vor ihm unter einer Glasplatte eine Frau als Couchtischunterbau kniet wie in der kontroversen Skulptur von Allen Jones, ist das genau die überdrehte Doppelt- und Dreifachironie, aus der „Herrliche Zeiten“ seinen bösen Spin holt.

          Die Immigranten Mohammed und Bartos reden der Entmenschlichung der Untergebenen das Wort, reden von Stolz auf die Väter, die grausame Eroberer waren, schaffen weitere illegale Arbeitssklaven heran und machen Claus zu einem Kettenhund, den sie nur noch von der Leine lassen müssen. Nächste ironische Wendung: Die Sklaven werden herrschen.

          Letztlich geht es um Heimat und Grundherrschaft, ganz klischeehaft. Der Mann wäscht sich Blut und Boden von der Visage, die Frau pflanzt Blümchen im Garten, Bartos kämpft um sein Heim, die bulgarischen Schwarzarbeiter schaufeln ihr Grab, der Iraker schaut vom Sofa von zu Hause auf ein Saddam-Poster. Hat diese Geschichte eine Moral? Natürlich nicht. Sie ist anderthalb Stunden Misanthropie auf Speed.

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