https://www.faz.net/-gqz-yueb

Filmkritik: „My Name is Khan“ : Mr. Bollywood geht nach Washington

  • -Aktualisiert am

So einen pflegeleichten, anrührenden Autisten hat man im Kino lange nicht gesehen: Shah Rukh Kahn und dahinter Kajol Devgan Bild: ddp

Mitten im „war on terror“ nach dem 11. September kommt ein Muslim im Film „My Name is Khan“ auf die Idee, dem Präsidenten persönlich zu erklären, dass er kein Terrorist ist. Eine kluge Idee?

          „Ich möchte den amerkanischen Präsidenten besuchen“ – man muss wohl Autist sein, um auf so einen Gedanken zu kommen, aber Rizvan Khan meint es ernst. Überhaupt ist Ironie nicht seine Stärke, denn es ist ein Teil seiner Krankheit, des sogenannten Asperger-Syndroms, dass Rizvan alles wörtlich nimmt. So auch die im Moment höchster Verzweiflung herausgeschriene Forderung seiner Frau, er solle doch zum Präsidenten gehen und ihm klarmachen, dass nicht alle Muslime Terroristen seien. Man befindet sich noch im Bush-Amerika auf dem Höhepunkt des „war on terror“. Gerade haben fanatisierte Jugendliche den Sohn des Paares totgeschlagen. Ja, wäre es nicht so traurig, dann wäre es zum Lachen, und wäre es nicht zum Lachen, dann müsste man weinen.

          Lachen und weinen, am besten gleichzeitig, wäre wahrscheinlich genau die Reaktion, die sich Regisseur Karan Johar von seinem Publikum wünscht. Ohne Frage wagt „My Name is Khan“ etwas, was sich im Westen, von einigen Trash-Filmern abgesehen, noch niemand getraut hat: nämlich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum Gegenstand eines Unterhaltungsfilms zu machen.

          Bollywoood: Ernste Themen mit opulenter Unterhaltung

          Dieses Vermischen ernster Themen mit opulenter Unterhaltung ist genau das Stilmerkmal Bollywoods, jenes Unterhaltungskinos aus Bombay, das im vergangenen Jahrzehnt auch bei uns populär wurde. In Musicalform und auf eine Weise, die auch den Millionen Analphabeten Indiens verständlich ist, wird da alles und jedes behandelt. Der erste Welterfolg des modernen Bollywood war mit „Dil Se“ 1998 ein Musical-Melodram über die Liebe eines angepassten Mannes zu einer Terroristin, das sich nicht scheut, das Liebespaar nach drei Stunden emotionaler Achterbahn in gemeinsamer Umarmung bei einem Anschlag in die Luft zu jagen – und damit auch einen so klugen wie gewagten Diskussionsbeitrag zum Terror in Indien zu liefern.

          „Dil Se“ machte auch Shah Rukh Khan im Westen populär, jenen Superstar, der für Bollywood so etwas ist wie eine Fusion aus Brad Pitt, George Clooney und Richard Gere. Auch in „My Name is Khan“ spielt Khan, der im richtigen Leben als Muslim mit einer Hindu-Gattin ebenfalls die Fundamentalisten beider Seiten provoziert, die Hauptrolle des behinderten Rizvan. Er tut dies erstaunlich gut, ohne übertriebene Manierismen, immer auf die Würde der Figur bedacht. Wäre Shah Rukh Khan Amerikaner, könnte er sich jetzt ernsthafte Hoffnungen auf einen Oscar machen. Denn so einen pflegeleichten, anrührenden Autisten hat man im Kino lange nicht gesehen.

          Khan ist ein Naiver im neuen Weltbürgerkrieg: Ungerührt und höflich lässt er gleich in den ersten Minuten eine demütigende Sicherheitskontrolle am Flughafen über sich ergehen. In der ersten Hälfte erzählt der Film im Rückblick Rizvans Kindheit in Indien, von der Ankunft und den ersten Jahren in den Vereinigten Staaten. An der Glätte des Aufstiegs, der Leichtigkeit, mit der sich für den genialen Autisten der amerikanische Traum erfüllt und er auch noch eine Modelschönheit zur Frau bekommt, merkt man schnell, dass dieser Film auch mit Geldern eines amerikanischen Studios produziert wurde.

          Offenkundig ein Märchen

          Im zweiten Teil, in dem Khan zunächst vergeblich versucht, den Präsidenten zu treffen, erinnert das in der nur scheinbar naiven Feier von Anstand und Geradlinigkeit besonders an die engagierten Melodramen der Post-Depressionszeit, wie etwa Capras „Mr. Smith goes to Washington“. Gerade hier allerdings sind die meisten Szenen für die kürzere deutsche Kinofassung herausgeschnitten worden.

          Wie bei Capra ist der Glaube ans Funktionieren des demokratischen Systems ungebrochen, jedenfalls an der Oberfläche. Wenn aber Khan auf seinem Weg zwar mal eben ein Attentat auf Bush vereitelt, dann trotzdem selbst unter Verdacht gerät und gefoltert wird, bevor er mit Hilfe der Medien befreit und zum Nationalhelden wird und schließlich bei Obama endlich seinen Satz „My Name is Khan and I am not a terrorist“ loswerden darf, dann ist dies nicht nur offenkundig ein Märchen. Die Weltsicht dieses sehr unterhaltsamen Stilmixes ist auch mit guten Gründen deutlich pessimistischer als bei Capra, denn Khan hat, wenn man ehrlich ist, einfach nur verdammt viel Glück.

          Das brauchen auch die amerikanischen Produzenten, die sich erhoffen, dass dieser Film endlich auch Indien, das letzte Kino-Territorium, das Hollywood noch nicht erobert hat, zu erschließen hilft. Ob das klappen wird? Dafür ist der Film am Ende vielleicht doch etwas zu glatt. Und gesungen wird auch nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.