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„Independence Day: Wiederkehr“ : Tentakelmedusa gegen fliegende Kisten

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Bei diesen großen Raumschiffen bleiben nur die Ozeane als Parkplatz. Zur Flucht sind sie ungeeignet. Bild: Twentieth Century Fox

Nach zwanzig Jahren hat Roland Emmerich doch „Independence Day: Wiederkehr“ gedreht. Wie ein fertiger Film wirkt das Machwerk nicht – eher wie ein versehentlich veröffentlichtes Brainstorming.

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          Alle zwanzig Jahre, das ist für eine Entscheidungsschlacht um das Fortbestehen der menschlichen Rasse doch ein bisschen arg oft. Da kommt man ja kaum zum Aufräumen, geschweige denn zu einer neuen Verteidigungsstrategie. Andererseits sind zwanzig Jahre in der Zeitrechnung Hollywoods eine verdammt lange Pause zwischen einem erfolgreichen Blockbuster und einer Fortsetzung. 1996 ging es in Roland Emmerichs „Independence Day“ um die Rettung des Planeten angesichts einer Alien-Invasion mit Raumschiffen, die größer waren als Fußballplätze. Das galt damals als spektakulär, und man erfährt viel über das, was sich seither im amerikanischen Kino getan hat, wenn man die Ausmaße des Schiffes vernimmt, mit dem die Außerirdischen nun zurückkehren: 5000 Kilometer Durchmesser. Das lässt bei der Parkplatzwahl nur die Alternative zwischen Atlantik oder Pazifik. Aber wie das so ist bei Luftschiffen, die so etwas wie fliegende Bienenstöcke sind: Kaum hat das Riesending seine Krallen in den Globus geschlagen, schickt es auch schon allerlei Teilelemente nach draußen. Von Schwarmintelligenz kann man nicht sprechen, eher von Drohnenüberschuss. Bei dem Geballer und Gefeuer, das sich daraus entspinnt, handelt es sich um ein Ablenkungsmanöver. Bleibt nur die Frage: Wovon?

          Die Pointe des „Independence Day“ hatte viel mit den Erfahrungen der Globalisierung nach 1989 zu tun. Eine zusammengerückte Menschheit konnte sich angesichts eines primitiven, aggressiven Feindes fragen, wie es um die eigene Zivilisiertheit bestellt war. Die Antwort darauf war so amerikanisch geprägt, wie es einem schwäbischen Bastler, der in Hollywood die große Freiheit gefunden hatte, nur vorschweben konnte: Eine Allianz aus Nerds und Wissenschaftlern und einem jugendlichen Präsidenten fand eine Lösung, wie die Büchse der Pandora wieder zu verschließen war. Ganz offensichtlich war der Film aber im Bilde über seine Implikationen: Ein Publikum, das sich von solchen Knallfroscherzählungen unterhalten lässt, hat wohl doch noch einen langen Weg bis zu wirklich ein- und erleuchtenden Begegnungen mit anderen Intelligenzen zurückzulegen. Vielleicht war das der Grund, dass Emmerich sich lange gegen eine Fortsetzung verwahrt hat: Man kann es mit dem höheren Blödsinn auch zu weit treiben, zumal auch mit Tim Burton nicht mehr zuverlässig zu rechnen ist, der damals mit „Mars Attacks“ die kongeniale Groteske zu „Independence Day“ herausbrachte.

          Die Aliens können einige Achtungserfolge erzielen. Anfangs sieht es für die Menschheit nicht gut aus.
          Die Aliens können einige Achtungserfolge erzielen. Anfangs sieht es für die Menschheit nicht gut aus. : Bild: Twentieth Century Fox

          Nun war das Sequel aber doch nicht mehr abzuwenden, und Emmerich hat sich in das Unausweichliche gefügt. Er hat es selbst gemacht. Allerdings hat er vergessen, den Film auch fertigzustellen. „Independence Day: Wiederkehr“ sieht nicht so sehr wie ein zu Ende konzipiertes Produkt aus, sondern wie ein versehentlich veröffentlichtes Brainstorming, in dem die Ideen noch kreuz und quer fliegen, bis es schließlich irgendwo in Nevada auf einer Fläche von deutlich weniger als 5000 Quadratkilometern dann doch wieder die konventionellen Waffen richten müssen. Die Aliens sind nämlich kein bisschen klüger (oder ansehnlicher) geworden und haben mit dem riesigen Schiff nicht viel mehr als eine lächerliche Tentakelmedusa geschickt, die von ein paar Jungspunden in ihren fliegenden Kisten locker erledigt werden kann.

          Für ein Publikum, das noch nicht vollständig in den eindimensionalen Logiken des amerikanischen Spektakelkinos sozialisiert wurde, ist „Independence Day: Wiederkehr“ eine harte Nuss. Mit jovialer Ironie („Heute gönnen wir uns mal richtigen Schund“) kommt man der Sache nicht bei, mit bildungsbürgerlichem Degout sowieso nicht; auch die Allegorese führt nicht viel weiter als bis zu der Erkenntnis, dass afrikanische Warlords tendenziell immer noch leichter mit den Aliens assoziiert werden als der Schönling Liam Hemsworth, der das Geschwader der Humanität anführt.

          Sieht doch schon aus wie der Humanismus in Person: Liam Hemsworth als Retter der Welt
          Sieht doch schon aus wie der Humanismus in Person: Liam Hemsworth als Retter der Welt : Bild: Twentieth Century Fox

          Die vielleicht lustigste Idee betrifft eine dritte Gattung, die diesmal ins Spiel kommt. Sie lebt in einer weißen Kugel, die zuerst so wirkt, als wäre sie für eine der Lostrommeln gedacht gewesen, mit der die Fifa ihre Turniere manipuliert hat, die aus Versehen aber zu groß geraten ist. Innen drin hat dieses Ding das Wissen eines deutlich höher entwickelten, natürlich „virtuellen“ Lebens. Wüsste man das alles selber, es würde einem das Hirn zerreißen. Bewahre. Roland Emmerich ist also nichts anderes als ein Hohepriester des Anthropomorphen. Er kennt die Grenzen unserer Gehirnwindungen, und der Salat, den wir mit dem Film haben, ist nur eine Übung in Selbstbescheidung, die sich als Größenwahn ausgibt. Für alle, die das nicht gleich mitkriegen: Lieber mal zwanzig Jahre sacken lassen.

          Kinotrailer : „Independence Day: Wiederkehr“

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