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Filmkritik: „Die zweigeteilte Frau“ : Der Meister und das Mädchen

Es geht um Sex zwischen der Wetterfee Gabrielle (Ludivine Sagnier) und Schriftsteller Charles Saint-Denis (Francois Berleand) Bild: dpa

Mit seinem neuen Film ist der fast 80 Jahre alte Claude Chabrol endgültig zu dem Insektensammler geworden, als der ihn Fassbinder schon in den 70er Jahren sah. Und wieder entdeckt er neue Perversionen im bürgerlichen Setzkasten, diesmal die sexuelle Hörigkeit.

          Onkel Claude nimmt einen langen Abschied. Während sein achtzigster Geburtstag unerbittlich näherrückt, dreht Chabrol noch immer alle zwei Jahre einen Film, als könnten ihm die Widerwärtigkeiten des Greisenalters, der körperliche Verfall wie die innere Versteinerung zum Kinoklassiker, nicht das Geringste anhaben. Natürlich gibt es in seinem Spätwerk, wie bei anderen großen Regisseuren auch, Höhen und Tiefen - „Die Brautjungfer“ etwa, Chabrols 2004 gedrehte Moritat über eine jugendliche Paranoikerin in der Provinz, ist nur halb so spannend wie sein ganz ähnlich angelegtes Dienstmädchendrama „Biester“ zehn Jahre zuvor, und der „Blume des Bösen“ von 2003 fehlt der ironische Biss, den die sagenhafte Isabelle Huppert in „Süßes Gift“ (1999) und „Geheime Staatsaffären“ (2006) auf die Leinwand bringt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber das sind nicht mehr als kleine Flecken in einer insgesamt makellosen künstlerischen Bilanz. In Wahrheit kann man Chabrols Werk wohl nur noch an sich selbst messen, schon deshalb, weil jede seiner Kinoarbeiten ein handwerkliches Niveau erreicht, das heute nur noch die wenigsten europäischen Filme haben - ganz gleich, ob in Frankreich oder anderswo auf dem Kontinent, ob von „Autoren“ oder „Routiniers“ gedreht. Und mit derselben Beharrlichkeit, mit der er seit seinen Anfängen vor fünfzig Jahren die Mitte zwischen Autorenfilm und bürgerlichem Qualitätskino hält, hat Chabrol auch sein Produktionsteam zum Familienbetrieb umgebaut: Aurore, seine dritte Ehefrau, dient ihm seit vielen Jahren als Skriptgirl, Cécile Maistre, Aurores Tochter aus erster Ehe, als Regieassistentin; Matthieu Chabrol, sein 1956 geborener ältester Sohn, komponiert die Musik, und Thomas, sein Sprössling aus der Ehe mit Stéphane Audran, macht als Schauspieler mit. Auch der Portugiese Eduardo Serra, einer der besten Kameramänner der Welt, gehört inzwischen zur Chabrol-Familie. Seit „Rien ne va plus“ (1997) hat Serra fast alle Filme des Meisters fotografiert, und wenn „Die zweigeteilte Frau“ einen neuen Höhepunkt der chabrolschen Kinoästhetik darstellt, ist das zu einem nicht geringen Teil ihm zu verdanken.

          Sex in besonderer Spielart: der Hörigkeit

          Der Film beginnt furios. Zu einer Arie aus Puccinis „Turandot“ blickt die Kamera durch ein Autofenster auf blutrot verfremdete Landschaften, während der Wagen aus der Stadt Lyon heraus in die schattige Stille der französischen Provinz rollt. Dann hält er an, die Rottöne ersterben, die Fahrerin steigt aus. Es ist die Literaturagentin Capucine (Mathilda May), die ihren besten Kunden, den Erfolgsautor Saint-Denis (François Berléand), besucht. Saint-Denis bereitet ein neues Buch vor; nun soll er dafür werben, mit Fernsehauftritten, Lesungen, Signierstunden in der Stadt. Man sieht, wie Saint-Denis sich dagegen sträubt, sein ländliches Idyll zu verlassen. Und man spürt, wie er zugleich danach giert.

          Denn „Die zweigeteilte Frau“ dreht sich nicht um Literatur. Es geht um Handfesteres: um Sex. Schon die Umarmung, mit der sich Capucine und Saint-Denis begrüßen, verrät, dass die beiden einst mehr verbunden hat als eine Geschäftsbeziehung. Inzwischen ist der Schriftsteller glücklich verheiratet, aber sein Jagdinstinkt hat sich in der Monogamie nicht abgeschliffen. Im Fernsehstudio, in dem er sich auf seinen Auftritt vorbereitet, trifft Saint-Denis die blonde Gabrielle (Ludivine Sagnier), die als Wetterfee den Hierarchen ihres Senders den Kopf verdreht. Er schmeichelt ihr, sie folgt ihm zu einer Lesung, er verabredet sich mit ihr, und die beiden landen im Bett. Aber statt anschließend mit Gabrielle zu turteln, wirft Saint-Denis sie aus seiner Wohnung. Sie schmollt, er wirbt um sie, sie kehrt zurück, lässt sich demütigen und missbrauchen, wird abermals abgewiesen und verfällt in Depression. Es geht um Sex bei Chabrol, aber in einer besonderen Spielart: der Hörigkeit.

          Zertrümmerung romantischer Klischees

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