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Video-Filmkritik : Wähle deinen Kampf

Bild: dpa

Ein Film der kleinen Revolutionen: „Die perfekte Kandidatin“ erzählt vom gesellschaftlichen Wandel in Saudi-Arabien. Und der Selbstermächtigung einer starrköpfigen Ärztin.

          3 Min.

          In diesem Land ist das Auto gerade jetzt Statussymbol, motorisiertes Sinnbild der Selbstbestimmung. Deshalb kauft man es lieber neu als gebraucht, auch wenn das Schulden bedeutet, und trägt dafür Sorge, dass es immer blitzblank in der Sonne glänzt. Man: Das meint die Frauen des Landes.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Damit das Auto strahlen kann, muss es auf Asphalt fahren, schlammige Zufahrtswege sind schlecht, besonders wenn sie zum einzigen Krankenhaus des Ortes führen und es sich bei dem Fahrzeug um das Auto der Ärztin handelt, die sich schon eine ganze Weile für dringend nötige Modernisierungen einsetzt, stattdessen aber Patienten auf klapprigen Transportliegen entgegennimmt, die bei ihrem Anblick zetern und nach einem männlichen Arzt verlangen.

          Vieles in diesem Land ist für Frauen auch außerhalb des Films heikel: bei einer städtischen Behörde anrufen und sich über fehlende Unterstützung des Gesundheitswesens beklagen; ins Ausland fliegen, um an einer internationalen Konferenz teilzunehmen. Da brauchten Frauen bis vor Monaten die Einverständniserklärung eines männlichen Vormunds, so wie sie überhaupt für jede größere Entscheidung von der Job- bis zur Partnerwahl eine brauchen, und sind dennoch der Willkür der Grenzbeamten ausgeliefert. Der König und sein Kabinett haben zwar im August veranlasst, dass Frauen jetzt selbständig reisen dürfen, aber im Film verpasst die Ärztin Maryam ihren Flieger, weil Rashid, Cousin ihres Vaters und ein hohes Tier in der Gemeindeverwaltung, sagt: „Ich bin voller Achtung deinen Eltern gegenüber – und es tut mir leid, ich kann nichts tun.“

          Sie bringt den Ort gegen sich auf

          Es gibt auch noch nicht lange Kinos in diesem Land, erst seit 2018, und der Film über die Ärztin soll auch dort gezeigt werden, das muss man wissen, wenn man sich beim Schauen nach mehr erzählerischer Raffinesse und technischem Experiment sehnt. 2012 hat die Regisseurin Haifaa Al Mansour „Das Mädchen Wadjda“ in diesem Land gedreht, und weil es um ein Mädchen geht, das unbedingt Rad fahren will und sich die Argumente, die gegen das Radfahren sprechen, außerhalb des Landes recht grotesk anhören, wurde der Film ein großer Erfolg. Jetzt also „Die perfekte Kandidatin“, eine Art Fortsetzung der Ermächtigungsgeschichte von damals: Maryam, die Heldin, fliegt nicht zur Konferenz, kandidiert für den Gemeinderat und bringt den Ort gegen sich auf.

          In den acht Jahren seit dem Erscheinen von Al Mansours erstem Film hat sich in Saudi-Arabien viel getan. Kronprinz Muhammad bin Salman will das Land verändern und die Wirtschaft stärken, dafür braucht er die Frauen. 2018 war ein Viertel der weiblichen Bevölkerung berufstätig, ein Fortschritt. Frauen können jetzt in Hotels und an Strände gehen, ohne Einverständniserklärung studieren und Auto fahren. Ganz langsam erheben sie sich aus dem Status der Minderjährigen, aber das Bewusstsein, das hinkt hinterher. Die Frauen müssen erst fühlen lernen, dass sie ihre neuen Rechte verdienen und sie wahrnehmen, und darum geht es in Haifaa Al Mansours Film.

          Warum wagt Maryam, Tochter eines Musikers und einer Sängerin und älteste von drei Schwestern, für die Asphaltierung einer Straße zu einem Krankenhaus den Schritt in die Politik? Woher nimmt sie das Selbstbewusstsein, am Flughafen einen erfolgreichen Arzt nach einem Job zu fragen? Sie hat die Kämpfe ihrer Mutter erlebt. „Das wird das Gleiche wie bei Mama“, klagt die kleine Schwester, „sie werden alle lästern“. Der Vater steht zwar hinter seiner Tochter, aber als sie ihn für ihre Kampagne braucht, ist er auf Tournee. Musiker haben in Saudi-Arabien ihre eigenen Kämpfe auszutragen. Und die Schwester Selma, eine Fotografin, leiht ihr das nötige Geld und fragt: „Bist du bereit, dich wieder solchen Blicken auszusetzen?“

          Sara (Nora Al Awadh), Maryam (Mila Al Zahrani) und Selma (Dae Al Hilali)
          Sara (Nora Al Awadh), Maryam (Mila Al Zahrani) und Selma (Dae Al Hilali) : Bild: Neue Visionen Filmverleih

          Der Blick der Öffentlichkeit trifft in Saudi-Arabien besonders hart. Die spottende Gemeinschaft gilt als Regulativ. Für ihr Wahlkampfvideo, das Maryam nach dem Vorbild eines Lokalpolitikers der Republikaner aus Tennessee mit einer Millionen Klicks plant, erwartet man wer weiß was. Dann ruft die kleine Schwester: „Man erkennt dich, verdeck deine Augen“, und so zeigt der Film einen sprechenden Geist in Schwarz vor durcheinander wirbelnden Blumen. In den Kommentaren wird dennoch von mangelndem Respekt die Rede sein: „Wie lange müssen wir ertragen, dass eine Frau sich so schamlos präsentiert?“

          Es gibt eine Szene in „Die perfekte Kandidatin“, da manifestiert sich das Schicksal der saudi-arabischen Frau: Maryam begleitet ihre Schwester Selma zu einer Hochzeit, auf der sie filmt. Der Raum ist schon voller Frauen an runden Tischen, es ist einer der seltenen Momente, in denen sie ausgelassen feiern dürfen, jedenfalls so lange, bis das Brautpaar vorbeischaut und man sich verhüllen muss. Frau Doktor, ruft eine, der Lautsprecher funktioniert nicht, ob sie nicht einmal nach der Technik sehen könne? Und so geht Maryam, die Ärztin, hinaus zur Kammer des Tontechnikers, der nicht in die Frauengesellschaft platzen darf, und lässt sich von ihm erklären, was zu tun ist, damit die anderen Frauen die Feier genießen können.

          Das ist die Stärke dieses Films der kleinen Revolutionen, der leisen Töne und nuancenfreien Dialoge: Wähle deinen Kampf, denkt sich Mayram und wartet, bis ihr die Männer bei einem Wahlkampftermin, dem sie zugeschaltet wird, den Ton abdrehen, um vor sie zu treten und sie zur Rede zu stellen. Dass ihr trotzdem keiner zuhört, ist unerheblich, weil sie sich nicht beirren lässt. Die Botschaft lautet: durchhalten. Derweil sitzt die Aktivistin Loujain al-Hathloul, die für das Recht, Auto zu fahren, kämpfte, noch immer im Gefängnis.

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