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Filmkritik: „Die Klasse“ : Konjunktiv Imperfekt? So redet doch kein Mensch!

Dank handlicher Digitaltechnik grassiert die Wirklichkeit im Kino. Inzwischen sieht außerhalb Hollywoods jeder zweite Film wie eine Dokumentation aus. Der Cannes-Gewinnerfilm „Die Klasse“ ist trotzdem etwas Besonderes. Fast tendenzlos wirft er einen verstörenden Blick auf die französische Schulmisere.

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          Die Wirklichkeit hat in den letzten Jahren im Kino einen Sprung gemacht. Sie ist aus dem Dokumentar- in den Spielfilm gesprungen, aus den Fakten in die Fiktionen, und sie hat dabei vieles mitgebracht, was man früher nur aus Livereportagen kannte: Nähe, Plötzlichkeit, Unmittelbarkeit, verstümmelte und bruchstückhafte Bilder und Töne. Vor zehn Jahren war ein Film wie das „Blair Witch Project“ noch eine Sensation; inzwischen sieht, jedenfalls außerhalb Hollywoods, jeder zweite Film wie eine Dokumentation aus. Die technische Entwicklung, die aus den kleinen, handlichen Digitalvideokameras immer brillantere Bilder herausholt, hat das Ihre dazu getan, die Regisseure aus den Studios und Filmsets auf die Straße zu holen. Noch vor einer Generation galt das „Cinéma vérité“, das dokumentarische Autorenkino, als strenge Kunstübung für Könner. Mittlerweile halten es viele für eine Anfängerdisziplin. Das ist ein großer, für manche tragischer Irrtum.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch Laurent Cantets Film „Die Klasse“, der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes im vergangenen Jahr, ist mit dokumentarischen Mitteln gedreht. Für sein Porträt einer französischen Schulklasse und ihres Lehrers hielt Cantet wöchentliche Workshops mit fünfzig Schülern aus einem Pariser Vorort ab, bei denen die Jugendlichen das Filmprojekt kennenlernten. Beinahe die Hälfte von ihnen spielt in „Die Klasse“ mit. Um sich mit ihren Filmfiguren besser identifizieren zu können, durften die Schüler eigene Dialoge in den Szenen improvisieren. Die meisten von ihnen tragen im Film ihre eigenen Namen. Auch die Filmeltern sind mit einer Ausnahme die wirklichen Eltern der Schüler. Der Film selbst wurde mit drei High-Definition-Videokameras aufgenommen, von denen eine den Lehrer, die zweite die handelnden Protagonisten und die dritte zufällige Eindrücke aus der Klasse aufnahm. So wirkt „Die Klasse“, wenn man den Film nicht als erzählerisches Ganzes, sondern Szene für Szene betrachtet, tatsächlich wie eine besonders sorgfältig geschnittene Reportage. Wie sehr man sich täuschen kann.

          Kategorien für Schüler: Nett, nicht nett, überhaupt nicht nett

          Denn Cantets Film ist alles andere als ein aufgeschnapptes Stück Alltag. Er ist eine hochverdichtete, haargenau strukturierte Version jener Realität, von der er erzählen will, und nur die besondere Geschicklichkeit des Regisseurs lässt uns immer wieder vergessen, dass es sich bei der „Klasse“ um einen Spielfilm handelt. Am Anfang betritt der Lehrer François das Schulgebäude, und seine Mimik verrät, dass er hier kein Neuling mehr ist. Dann versammeln sich die Lehrkräfte des Jahrgangs im Lehrerzimmer, und der Direktor erklärt den Neuzugängen, an seiner Schule gebe es neben den angenehmen auch einige „allzu vitale“ Schüler.

          Schließlich gehen ein neuer Klassenlehrer und sein Vorgänger gemeinsam die Schülerliste einer siebten Klasse durch. Der Ältere unterteilt die Schüler in drei Kategorien: „nett“, „nicht nett“, „überhaupt nicht nett“. Der Jüngere nickt. Schon bevor der Film das Klassenzimmer betritt, sind wir auf die Szenen eingestimmt, die uns dort erwarten, atmosphärisch, pädagogisch und sozial.

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