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Filmkritik: „Die Jagd“ : Dänen schlagen sich die Köpfe ein

  • -Aktualisiert am

In Vinterbergs neustem Film wird Lukas (Mads Mikkelsen) zum Gejagten. Bild: Cineliz/Allpix/laif

Kinder lügen eben doch: In Thomas Vinterbergs Drama „Die Jagd“ wird eine Missbrauchsaffäre zum Spiegel, wie man in der dänischen Provinz Konflikte ausagiert

          Kinder lügen nicht. Mit dieser Aussage lässt eine ältere Lehrerin namens Grethe das Pendel zuungunsten von Lucas ausschwingen. Lucas ist ein Betreuer in einem dänischen Kindergarten in einer kleinen Kommune mit vielen provinziellen Eigenheiten. Die fünfjährige Klara hat ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Lucas gefasst, der gerade die Trennung von seiner Frau verarbeitet und einen Sorgerechtsstreit um seinen Teenager-Sohn Marcus führt. Und ausgerechnet diese Klara sagt nun etwas, das man so verstehen könnte, als hätte Lucas sich ihr sexuell genähert.

          Thomas Vinterberg zeigt in seinem Film „Die Jagd“ auch, was der eigentliche Grund für diese ambivalente Botschaft ist. Klara hat auf dem iPad ihres Bruders eine pornographische Szene gesehen, nur ganz kurz, gerade so, dass es ihr Bewusstsein beschäftigen musste. Und so beginnt ein Drama, das Vinterberg mit archaischer Wucht beinahe bis an den Punkt extremen Wahns erzählt. Und im Zentrum dieses Wahns steht diese Aussage: „Kinder lügen nicht“, bei der schon Freud eine Weile brauchte, bis er sie als irreführend durchschaute.

          Mit „der Jagd“ knüpft Vinterberg an seine alte Form an

          Vor fünfzehn Jahren hat Vinterberg mit „Das Fest“ einen der größten Arthaus-Erfolge aller Zeiten geschaffen, danach hat er sich lange schwergetan, daran anzuknüpfen. Mit „Die Jagd“ tut er dies nun in mehrfacher Hinsicht sehr direkt: Dort stand ein patriarchalischer Peiniger im Mittelpunkt, hier kehrt sich die Sache um. Es ist die Gemeinschaft, die mit ihren Übergriffen viel zu weit geht. Vinterberg beschreibt einen modernen Fall von Massenhysterie, wobei niemand wirklich hysterisch zu sein hat. Es reicht, sich seiner selbst ein bisschen zu sicher zu fühlen.

          So überhört die Mutter von Klara beinahe willentlich das Eindeutige, als Klara ihre Aussage vorsichtig revidiert. Nun ist das eine Sache der Philisterei, und Vinterberg holt dabei auch zu einer großen Sozialsatire aus, die nicht immer so subtil ist wie der zentrale Konflikt in „Die Jagd“. Es ist natürlich ausgerechnet der Metzger, der Lucas mit brutaler Gewalt begegnet. Vinterberg nimmt besonders zwei geschlechterspezifische Kulturen aufs Korn: die plumpe Rechtschaffenheit der Männer, die ihre Gewehre von Generation zu Generation vererben und die Rituale der Gemeinschaftlichkeit nicht ohne das aggressive Moment des Jagens zu kennen scheinen. Und die Missgunst der Frauen gegenüber Lucas, die beinahe wie ein Symptom der unerfreulichen Beziehungen wirkt, die viele dieser Ehepaare führen.

          Lukas ist ein viriler Softie

          Lucas (Mads Mikkelsen) gerät in die Mitte dieser Konfliktlage, weil er auch als Typ dazwischen steht: ein viriler Softie, der ein weniger einseitiges Geschlechterverhältnis andeutet und dessentwegen Gefahr läuft, zum Sündenbock zu werden. Dass er ausgerechnet mit einer hübschen Migrantin, die als Reinigungskraft arbeitet, eine Beziehung beginnt, deutet auch in das Zentrum von Vinterbergs Erzählung: Er arbeitet sich an einem dänischen Traditionalismus ab, in dem alles so sein muss, dass man vor allem im Wald bestehen kann.

          Es ist Theo (Thomas Bo Larsen), der beste Freund von Lucas und zugleich der Vater von Klara, der hinter seiner vierschrötigen Art seine Sensibilität entdecken muss. Er muss sich im Grunde auch über die Eskalationsmechanik des Drehbuchs hinwegsetzen, denn Vinterberg und sein Koautor Tobias Lindholm lassen wirklich nichts aus, um immer neue Konfrontations- und Gewaltexzesse aus der Geschichte herauszupressen, inklusive eines (vorläufigen) Showdowns zu „Es ist ein Ros’ entsprungen“ bei dem Fest, das in Dänemark „Juleaften“ heißt, also auch noch auf die altertümlichen Traditionen verweist, die auf dem Grund dieses sozialen Zusammenhangs liegen.

          So wird „Die Jagd“ zu einem sehr interessanten Fall von Nationalkino. Die Missbrauchsaffäre erscheint plötzlich wie ein Vorwand dafür, von jenen Dänen zu erzählen, die hier eine große Verunsicherung gewaltsam ausagieren, ganz so, als müssten sie sich einmal gründlich erschöpfen, bis sie mit eingeschlagenen Nasen wieder zu sozialen Ritualen in der Lage sind.

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