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Filmkritik „Der Liebeswunsch“ : Lebensfremdheit ist ihr fremd

Zu stark für diesen Film: Jessica Schwarz in „Der Liebeswunsch” Bild: NFP Filmverleih

Im deutschen Film jagt zur Zeit ein Boom den nächsten. Kommt jetzt gar die Literaturverfilmung wieder in Mode? Dieter Wellershoffs Roman „Der Liebeswunsch“ ist eine dankbare Vorlage. Doch die Umsetzung scheitert - an der charismatischen Jessica Schwarz.

          Im deutschen Film jagt zur Zeit ein Boom den nächsten, so dass man sicher nicht lange zu warten braucht, bis auch ausgemusterte Genres wie die Beziehungskomödie oder der Proletenfilm wieder zu blühen beginnen. Aber die Literaturverfilmung, ein Lieblingskind der siebziger und frühen achtziger Jahre, wird sich wohl nicht mehr aus ihrem Grab erheben. Oder doch? Im vergangenen Jahr ist Patrick Süskinds „Parfum“ endlich mit der Kamera erlegt worden, im September startet Rainer Kaufmanns „Fliehendes Pferd“, die zweite Adaption der Walser-Novelle innerhalb von dreiundzwanzig Jahren, und jetzt kommt, von Torsten C. Fischer verfilmt, auch noch „Der Liebeswunsch“ von Dieter Wellershoff ins Kino - kein Klassiker der neuen deutschen Literatur, aber ein Buch auf dem Weg zum Kanon und in die Lehrpläne. Lesen sie noch, die deutschen Filmregisseure, oder drehen sie schon?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Torsten C. Fischers „Liebeswunsch“ jedenfalls ist ersichtlich das Produkt einer peniblen Lektüre, denn er nimmt das Buch von Wellershoff beim Wort, nicht Satz für Satz, aber Szene für Szene, Sequenz für Sequenz. Der Film beginnt genauso wie das Buch, mit einem Mann, der dem Bild einer Frau nachjagt, die sich aus dem vierzehnten Stock eines Hochhauses am Meer gestürzt hat, und er endet auch so, knapp zwei Stunden später, mit Salzluft, Möwengeschrei, Trauer und Tod. Dazwischen entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die alles andere als verrückt und doch eine wahre amour fou ist: ein Arztehepaar, kinderlos, in einem großen Haus; eine Studentin, die das Haus in den Ferien hütet; und der beste Freund des Paares, Richter am Oberlandesgericht, Kunstliebhaber, Pedant.

          Die Schwächste rutscht ins Nichts

          Der Freund heiratet die Studentin, sie bekommen ein Kind, das Kind verunglückt, die Studentin trinkt; die Ehe stirbt, stattdessen wuchert die Leidenschaft, denn Anja beginnt ein Verhältnis mit Paul, dem Mann von Marlene, während Leonhard, der Richter, von dem Treiben nichts ahnt; ein Zufall bringt es an den Tag. Dann trennen sich die einen wie die anderen, die Ehe- wie die Liebesleute, und Anja, nicht nur beruflich die Schwächste der Vier, rutscht in ein Nichts, aus dem sie kein Notarzt, keine Entziehungskur mehr retten kann. Der Sturz vom Balkon ist nur die letzte Etappe ihres Falls.

          Menschliches Mobile: Anja (Jessica Schwarz) und Jan (Ulrich Thomsen)

          In all dem folgt der Film dem Buch, mit kleinen Änderungen und Retuschen, die sich durchweg verschmerzen lassen: die Hochzeitsreise nach Italien, die gänzlich ausgeblendet wird; die Urlaubsreise zu viert, die nach Südafrika statt nach Florida führt; die Wiederbegegnung zwischen Anja und Paul, die sich im winterlichen Kölner Karneval statt im sommerlichen Biergarten ereignet. Und der Namenswechsel Pauls. Im Film heißt er Jan und kommt aus Dänemark, denn er wird von dem dänischen Schauspieler Ulrich Thomsen gespielt, den der Regisseur Fischer aus Thomas Vinterbergs „Dogma“-Film „Das Fest“ kennt und bewundert. Thomsen spricht seine Dialogsätze mit einem seltsam verstolperten Akzent, der die Silben in alle Richtungen zerrt. Aber der Film kann seine Verspanntheit verkraften, denn sie passt zu der Figur, die er spielt.

          Dass Fischers „Liebeswunsch“ dennoch aus der Spur gerät, liegt an einer einzigen Entscheidung. Sie betrifft die Besetzung der Hauptfigur. Für die Geschichte, die der Roman erzählt, spielt es eine zentrale Rolle, dass die Studentin Anja im Leben und Lieben unerfahren ist, dass sie sich selber so fremd gegenübersteht wie den anderen. „Ihr sehr dichtes aschblondes Haar ließ sie offen über die Schultern fallen. Ihre Augen, die als empfindlich galten, versteckte sie hinter einer dunklen Sonnenbrille. Sie war schlank, allenfalls mittelgroß, eine zarte Person, die sich bewegte wie jemand, der in seine Gedanken versunken ist und es der unbewussten Erfahrung seines Körpers überlässt, sich im Raum, in der Gegenwart zurechtzufinden.“

          Der Tod ist doch die Lösung

          Torsten C. Fischer aber hat die Rolle der Anja mit Jessica Schwarz besetzt. Und Jessica Schwarz, die im „Parfum“, in Dominik Grafs „Rotem Kakadu“ und Benjamin Quabecks Erstling „Nichts bereuen“ geglänzt hat, kann sicher viel mehr, als sie bei Fischer zeigt, aber auch sie kann nicht aus ihrer Haut. Lebensfremdheit, wie Wellershoff sie schildert, ist ihr fremd. Die Aufgabe, eine Frau zu spielen, die sich ihrer Wirkung nicht bewusst ist, geht über ihre Kraft. Von Anfang an beherrscht sie die Leinwand und das Spiel der Blicke vor der Kamera. Durch ihre überlegene Sinnlichkeit zerstört sie das heikle Gleichgewicht zwischen den vier Hauptfiguren, auf das die Geschichte angewiesen ist. Ein „menschliches Mobile“ hat Wellershoff seinen Roman genannt, in Abgrenzung zur elementaren Zwangsläufigkeit von Goethes „Wahlverwandtschaften“, deren Vorbild durch die Konstruktion des „Liebeswunschs“ hindurchschimmert. Jessica Schwarz bringt dieses Mobile aus der Balance, und es hilft auch nichts, dass Tobias Moretti als Leonhard und Barbara Auer als Marlene perfekt zu ihren Rollen passen. Manchmal wünschte man sich, Schwarz und Thomsen verschwänden aus dem Bild, damit Auer und Moretti zusammenfinden könnten. Aber das wäre eine Lösung für einen Fernsehfilm.

          „Der Tod ist keine Lösung.“ Wie oft hat man diesen Satz schon gehört, wie selten hat er gestimmt. In „Der Liebeswunsch“ ist der Tod, Anjas Tod, die einzige Lösung. Er hält die Geschichte zusammen, er gibt der losen Folge von Szenen einen visuellen Halt. Und hier, ein einziges Mal, ist der Film dem Buch überlegen. Wellershoff verwendet viel Mühe darauf, den Selbstmord seiner Hauptfigur zu schildern, aber gegen das Bild einer Frau im weiten blauen Kleid, die sich gegen den Nordseewind über die Balkonbrüstung ins Leere fallen lässt, kommt keine Prosa an. Es ist die schiere Evidenz, es sagt, was kein Roman sagen kann. Und während man Anja fallen sieht, träumt man, als wäre das nicht das Ende aller Wünsche und Lieben, von demselben Bild in einem anderen Film.

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