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„Captain Fantastic“ im Kino : App-Idioten und Konsumjunkies bleiben draußen

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Bild: Bleecker Street

„Captain Fantastic“ hätte auch eine Komödie werden können. Aber der militante Hippie-Vater, gespielt von Viggo Mortensen, macht keine Gefangenen.

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          Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja, Nai: die Namen der Kinder von „Captain Fantastic“ klingen ein wenig so, als hätte sie ein moderner Ossian erfunden, ein Sagenschreiber, der aber auch Modemarken branden könnte. Die Sache ist schnell erklärt. In dieser Familie ist jedes Mitglied so individuell, dass es nicht auf einen Namen hören sollte, den andere auch tragen. Draußen ist die Welt, in der ein Donald, der Präsident werden will, den Vornamen mit einem Enterich teilt, der nie ein Geschäftsimperium haben wird. Daraus ist nicht sofort abzuleiten, dass in dieser Welt alles auf Konformismus hinausläuft. Sicher aber ist, dass Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja und Nai nicht konform gehen: nicht mit der Welt, nicht mit dem Lehrplan der Schulen und sicher nicht mit der herrschenden Ideologie.

          Allein im Wald

          Das sieht man besonders deutlich daran, dasss bei „Captain Fantastic“ das Fest Weihnachten ausfällt, hingegen wird ein Noam-Chomsky-Day gefeiert, als wäre der eigentliche Messias ein Sprachwissenschaftler, der auch bedeutende Bücher über Wirtschaft und Gewalt schreibt.

          Sechs Kinder hat Ben Cash. Aber wo ist die Mutter? Sie ist in einer Anstalt. Leslie hat schwere psychische Probleme, sie hält es mit dem Leben nicht mehr aus, also nimmt sie es sich. Den Selbstmord der Mutter versucht der Vater den Kindern so beizubringen, wie seine Pädagogik insgesamt ist: auf eine höchst rationale Weise. Bei den Cashs gibt es keine Schutzfiktionen, sondern es wird alles beim Namen genannt. Es gibt auch nur ein Wort, das zählt. Denn die Familie lebt im Wald, mit anderen Leuten kommen die Kinder so gut wie nie in Berührung. Nach dem Unterricht, der von Beginn an mit kleinen Erwachsenen rechnet und sich um Jugendschutz nicht zu kümmern scheint, gibt es Survival-Training. Wer brav ist, bekommt zum Geburtstag ein Messer. Das heißt aber nicht, dass die Cashs auch nur in irgendeiner Weise etwas mit der National Rifle Association zu tun haben wollten.

          Kein Universitätszeugnis vom Vater

          Die Pointe von „Captain Fantastic“ liegt ja eben darin, dass ein gesellschaftliches Phänomen, das in Amerika eher mit der Rechten assoziiert wird, vor einem linksutopischen Horizont neu durchdacht wird. Viele Menschen, die dem Staat misstrauen oder ihn aus ideologischen Gründen ablehnen, nehmen ihre Kinder aus der Schule, unterrichten sie in „charter schools“ nach eigenen Lehrplänen und ziehen sich insgesamt aus den institutionellen Zusammenhängen zurück. Der Nordwesten, wo es zu Beginn dieses Jahres in Oregon einen „standoff“ zwischen den Behörden und Militanten gegeben hat, ist eine bevorzugte Landschaft für diese Milieus. Auch die Cashs haben sich dorthin zurückgezogen, in eine prächtige, leuchtende Landschaft, die alles hat, was es zum Leben braucht. Immer vorausgesetzt, man ist in der Lage, Wild nach Indianerart zu erlegen.

          Der Vater ist eindeutig ein Despot, aber eben einer, der es sehr gut meint. Und wer würde einem idealen Hippie wie Viggo Mortensen, der sich für den Gang in die Welt in einen roten Anzug wirft, nicht folgen wollen? Die Kinder vergöttern ihren Vater, aber der Tod der Mutter wirft Fragen auf. Und auch das Heranwachsen. Für Bodevan stellt sich nämlich spätestens jetzt die Frage, ob er nicht doch studieren sollte. Der Vater weiß vieles, aber er kann keine Universitätszeugnisse ausstellen.

          Ein „hochattraktiver Sonderling“

          Vor zehn Jahren machte sich in dem Film „Little Miss Sunshine“ eine schräge Familie aus New Mexico in einem alten VW-Bus auf den Weg nach Kalifornien. Von dieser sehr erfolgreichen Expedition hat sich wohl auch Matt Ross ein wenig inspirieren lassen. Er ist eigentlich eher als Schauspieler bekannt, in der Serie „Silicon Valley“ hat er es mit einem Milieu zu tun, das alle möglichen alternativen Entwürfe produktiv macht. Der „Captain Fantastic“ übertrifft „Little Miss Sunshine“ gleich einmal in einer wichtigen Hinsicht: Er steuert nämlich einen Schulbus. Das Fahrzeug könnte symbolischer nicht sein, und zum Einsteigen sind alle eingeladen, die von Büchern noch etwas erhoffen, die über die kleinteiligen Fraktionierungen der Linken im zwanzigsten Jahrhundert Bescheid wissen wollen und die die „Bill of Rights“ auswendig können. Draußen bleiben sollten App-Idioten und Konsumjunkies.

          Die Fahrt geht nach Süden, durch die Sonnenstaaten, vor allem aber durch einen amerikanischen Mainstream, mit dem die Extremistenfamilie des „Captain Fantastic“ nicht vollständig unvermittelt bleiben kann. Was dabei auf dem Spiel steht, ist auch sehr wesentlich väterliche Autorität. Viggo Mortensen ist eine gute Wahl für diese Rolle, weil seine Attraktivität etwas Introvertiertes hat. Er spielt einen hochattraktiven Sonderling, und bald wird klar, dass vielleicht nicht so sehr die Kinder es sind, die erlöst werden müssen.

          Es ist der Vater, der aus der Verstockung herausfinden muss. Dass die Reise zu den Eltern von Leslie geht und dass das Ziel ist, den Leichnam der Mutter vor einer Erdbestattung zu retten, lässt erkennen, dass „Captain Fantastic“ auch eine Komödie hätte sein können. Matt Ross aber ist klug genug, den Pioniergeist, den er die ganze Zeit durchscheinen lässt, nicht zu denunzieren, indem er ihm zu leichte Gegner gibt. Vor allem die Begegnung mit Leslies Vater (großartig wie zumeist: Frank Langella) wird für Ben zu einer echten Herausforderung. Er wächst an ihr.

          Die Alternative zur Komödie wäre ein Ernst, der gerade bei diesen Themen leicht in Kitsch umschlagen könnte. Doch auch das vermeidet Ross. „Captain Fantastic“ kommt am Ende bei einer Haltung an, mit der man zur Not auch Weihnachten feiern könnte: common sense.

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