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Filmkritik: „Bullhead“ : Wie ein wilder Stier

  • -Aktualisiert am

Das Private ist biopolitisch, vor allem in Belgien: Matthias Schoenaerts als Jacky in Michael Roskams Film „Bullhead“ Bild: Rapid Eye Movies

Andauernd Fleisch in riesigen Massen: Michael Roskams Spielfilm-Debüt „Bullhead“ ist halb Milieustudie, halb europäischer Thriller in bester Film-noir-Tradition.

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          Eine Morgenlandschaft, ein Waldrand, eine Wiese im Nebel. Aus dem Off erzählt eine Stimme vom Leben der Männer und der Wiederkehr des Verdrängten. „Egal, was man tut: Man ist verdammt.“ Die Höllenfahrt beginnt.

          Immer wieder sieht man den flämischen Himmel, im prächtigen Lichtspiel des Sonnenlichts zwischen Wolken, so wie ihn schon die Maler im siebzehnten Jahrhundert festhielten. Was darunter liegt, auf dem flachen Land, ist weniger prächtig: Bedrohung und Härte, ein proletarisches Landleben - sie sind nicht arm, die Bauern, die Michael R. Roskam zeigt, nur primitiv. Bildungslücken und fehlenden Anstand machen sie durch Körperkraft wett.

          Verlängerung männlicher Muskeln

          Eine Männerwelt, in der andauernd Fleisch in riesigen Massen gegessen wird, Nuttenbesuche und Bodybuilding zum Tag gehören und das Testosteron, das man nicht selbst nimmt, bei den Rindern landet, die dann noch profitabler an die Fleischmafia vertickert werden können. Auch Autos sind hier die Verlängerung männlicher Muskeln, Pistolen sowieso. Als eines Tages eine von ihnen benutzt und ein Polizist, der wegen illegalen Fleischhandels ermittelte, ermordet aufgefunden wird, geraten die festgefügten Verhältnisse allerdings in Bewegung.

          Der Regisseur Michael R. Roskam wurde durch mehrere preisgekrönte Kurzfilme bekannt. Sein erster langer Spielfilm „Bullhead“ ist halb europäischer Thriller in bester Film-noir-Tradition, halb Milieustudie. Eine bei den Dardenne-Brüdern abgeschaute bewegte Kamera (Nicolas Karakatsanis) ist den Figuren dicht auf den Fersen, begleitet sie auf ihren endlosen Wegen durch die lehmigen Felder, den Matsch aus Dung und Stroh auf den Stallböden, verfolgt sie zwischen Lastwagen, in denen sie Fleisch verschieben, geht ihnen nach in die billigen Innenräume von Restaurants, Stadiontoiletten oder Autowerkstätten. Doch immer wieder nimmt sie sich dann zurück, weitet den engen Blick und lässt die Atmosphäre der Räume - es sind gerade in all ihrer Banalität und Alltäglichkeit tolle Orte, die der Film aufsucht - einfach wirken. Man meint diese fremde, faszinierend-schreckliche Welt riechen zu können.

          Weil er „Eier hat“

          In deren Zentrum steht Jacky, ein Klotz von einem Mann. Wir sehen ihn, wie er zu Hause vor dem Spiegel die Muskeln spielen lässt, wir begreifen schnell, dass hier alle vor ihm Respekt haben, weil er nicht lange fackelt, weil er „Eier hat“. Auch Jacky ist Rinderzüchter, er hat Verwandtschaft, gehört ganz zu dieser Welt - aber auch nicht. Früh schon ist zu ahnen, was irgendwann Gewissheit wird: Es gibt da etwas in Jackys Vergangenheit, das er verdrängt hat, das sich aber dauerhaft nicht verdrängen lässt.

          Dass der Körper sozial sei, das sagt man gern so dahin, aber an Jackys Körper wird irgendwann augenfällig, dass das Private auch das Biopolitische ist - der Mann, dessen verletzlichen Kern Matthias Schoenaerts sensibel aus der Muskelmasse herausarbeitet, steht permanent kurz vor der Explosion, die Zündschnur dazu haben vor langer Zeit andere gelegt. Doch im wilden Stier verbirgt sich die gepeinigte Seele eines traurigen, einsamen Menschen, eines Kindes, das Opfer war und als Mann nun schuldlos schuldig wird.

          Kinderschändung, Korruption, politisches Versagen

          Geduldig und ausgewogen entfaltet Roskam die Abgründe dieser Psyche und liefert zugleich ein unerbittliches Porträt seiner belgischen Heimat, in dem unaufdringlich allerlei bekannte Abgründe präsent sind: Kinderschändung und moralische Korruption, Nationalitätenstreit und politisches Versagen - ein anhaltender Selbstverrat. Der Film wirkt wie der Blick auf das innerlich zerstörte Land durch ein Vergrößerungsglas.

          Darin ähnelt er anderen belgischen Filmen und bestätigt ein weiteres Mal die Erfahrung, dass soziale oder politische Krisen für die Kunst oft ein Segen sind. Dass „Bullhead“ tatsächlich auch in Teilen authentische Hintergründe der belgischen Hormonmafia, eines Fleischskandals und der Ermordung eines Veterinärs Mitte der neunziger Jahre verarbeitet, spielt für dieses hervorragende Spielfilmdebüt trotzdem nur am Rand eine Rolle. Unter der Haut der Kriminalgeschichte liegt die Tragödie eines Menschen.

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