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Filmkritik „Anonymus“ : Nennt meine Liebe bloß nicht Götzendienst

Um Shakespears Dichterthron bewerben sich derzeit viele Kandidaten, aber der Königin Elisabeth, die hier von Vanessa Redgrave dargestellt wird, dürfte es egal gewesen sein, von wem die Stücke stammten: Hauptsache, sie wurden gespielt Bild: Sony Pictures

Wer war das Genie hinter Shakespeares Werk? Roland Emmerichs „Anonymus“ sucht es in höchsten Kreisen. Aber man glaubt dem Film nicht, was er zeigt.

          5 Min.

          Der Mann ist eitel, verfressen und geschäftstüchtig, linkisch mit der Feder und flink mit dem Schwert. Er hat Mühe, seinen eigenen Namen zu schreiben, aber als ein Kollege droht, sein Betriebsgeheimnis zu verraten, schneidet er ihm ohne Mühe die Kehle durch. Auf der Bühne des „Globe“ spielt er die Suffköpfe und Großredner, die Maul- und Weiberhelden, und hinter den Kulissen setzt er das Saufen und Prahlen ohne Übergang fort. Dass sein Talent mickrig und sein Ruhm erschlichen ist, steigert noch seine schlitzohrige Lust daran, sich für seine Betrügereien teuer bezahlen zu lassen. Er sieht aus wie jemand, den wir kennen, aber in verdrehter, verpatzter, apfelbäckiger Albtraumgestalt. Er heißt Will Shakespeare, und er ist nicht der Held von Roland Emmerichs „Anonymus“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieser Held und damit die Hauptfigur des Films hört stattdessen auf den Namen Edward de Vere. De Vere, mit sensibler Bedächtigkeit von dem britisch-walisischen Schauspieler Rhys Ifans verkörpert, ist der siebzehnte Earl von Oxford, ein eleganter, melancholischer, bis in die Fingerspitzen durchgeistigter Ex-Lebemann, der in seiner Jugend sogar die Königin von England in sein Bett gezogen, inzwischen aber, in einer unglücklichen Ehe gefangen, die Gewohnheit angenommen hat, Theaterstücke zu schreiben: einen „Julius Cäsar“, einen „Hamlet“, einen „Heinrich V.“, einen „Macbeth“ und so fort. Als Angehöriger des Hochadels kann er es sich nicht leisten, seinen Ruf mit diesen Hervorbringungen zu beschmutzen, aber auf der Bühne sehen will er sie trotzdem.

          Ein riesiger Anlauf

          Deshalb holt er einen Komödiendichter namens Ben Jonson aus dem Tower, wohin dieser wegen politischer Anspielungen in seinen Dialogen gekommen ist, und macht ihn zu seinem Strohmann. Als Jonson allerdings merkt, dass die Schöpfungen seines adligen Auftraggebers politisch noch viel brisanter sind als seine eigenen Possen, zuckt er im entscheidenden Moment vor der Autorschaft zurück. Für ihn springt ein weniger skrupulöser Theaterkollege ein, den wir bereits kennengelernt haben: unser pausbäckiger Will.

          Man sieht gleich, woran das Shakespeare-Projekt des mit Apokalypsespektakeln (“Independence Day“, „2012“) und Kostümfilmen (“Der Patriot“, „10.000 B.C.“) erfolgreichen deutschen Hollywoodregisseurs Roland Emmerich krankt: Es nimmt einen riesigen Anlauf, um am Ende auf einem Stück Schmierseife zu landen. Sein Shakespeare (Rafe Spall) mag ein Fake sein, aber er ist dem Porträt auf der Folio-Ausgabe von 1623, zu der Ben Jonson das Vorwort schrieb, aus dem Gesicht geschnitten, während Edward de Vere auch nach den gut zwei Kinostunden, die Emmerich ihm widmet, nur wie irgendein Höfling Elisabeths I. erscheint, ein Statist, ein Lückenbüßer, ein Anonymus fürwahr. Ein Hirtengedicht à la „Venus und Adonis“ traut man diesem alternden Stutzer zu, aber nicht das Jahrtausendwerk, für das der Name Shakespeare steht. Anstelle des wahren Barden präsentiert uns der Film „Anonymus“ ein leeres Blatt.

          Ein Spiegelkabinett an Rückblenden

          Umso angestrengter wirken seine Versuche, dieses Blatt zu beschreiben. In einem Spiegelkabinett ineinander geschachtelter Rückblenden zeigt uns Emmerich zunächst die Machtverhältnisse um 1600, dann die Kindheit und Jugend des künftigen Earl of Oxford und schließlich den Staatsstreich, den dieser mit seinen nebenher gedichteten Dramen munitionieren will. De Vere wächst, ganz wie es in den Büchern steht, als Waise bei William Cecil (David Thewlis) auf, dem Berater der Königin, und heiratet dessen Tochter; dann aber verlässt der Film das Parkett der historischen Tatsachen und beginnt zu träumen. Sein Edward ist nicht nur das uneheliche Kind, sondern auch der junge Lover Elisabeths, für sie schreibt er die Liebesschwüre Romeos und den „Sommernachtstraum“, bis er von der Monarchin, die mit seinem Sohn und Bruder schwanger geht, aufs Land verbannt wird.

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