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Berlinale-Sieger „Alcarràs“ : Die letzten Tage des Pfirsichhains

Die Obstplantage als Ort der Kindheit: Szene aus „Alcarràs“ Bild: Piffl Medien

Die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären der Berlinale war hochverdient: Carla Simóns Familiendrama „Alcarràs“ ist großes europäisches Kino aus Spanien.

          4 Min.

          Wenn man in Bildern erklären wollte, wo dieser Film spielt, müsste man zuerst die Obstabteilung in einem deutschen Supermarkt zeigen, in der die begehrten spanischen Plattpfirsiche liegen, und dann den Lkw, der die Pfirsiche auf der Autobahn hergebracht hat. Dann müsste man den Weg des Obsttransports zu­rück­ver­fol­gen bis in die katalanische Provinz Lleida am Südhang der Pyrenäen, in den Landkreis Segrià, der seinen Namen von einem Nebenfluss des Ebro hat, und in das Städtchen Alcarràs, das laut Wikipedia im Jahr 2019 knapp zehntausend Einwohner und eine Kirche aus dem vierzehnten Jahrhundert hatte. Schließlich käme man von dort zu einer Pfirsichplantage in einem nahegelegenen Tal zwischen baumlosen Hügeln. An diesem Ort spielt „Alcarràs“.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber der Weg dorthin wird in dem Film natürlich nicht gezeigt. Die Plantage ist einfach da, so wie das Bauernhaus mit dem kleinen Pool, das in ihrer Mitte liegt, und seine Bewohner, die die Pfirsichbäume pflegen und ihre Früchte ernten. Der Film erklärt nicht, was er zeigt, er verlässt sich auf die Evidenz seiner Bilder und unseren Willen, sie zu lesen.

          Am An­fang sieht man vier Kinder, die auf einem der kahlen Hügel in einem Autowrack sitzen und spielen, sie könnten fliegen. Plötzlich hört man Motorengeräusche, ein Bagger rollt an, die Kinder fliehen, und der Bagger hebt das Au­to wie ein Spielzeug in die Höhe und räumt es ab. Man muss kein Symboldeuter sein, um zu begreifen, dass dieser An­fang ein En­de ist, ein unwiderruflicher Bruch.

          Nur die Kinder wissen es nicht, sie warten darauf, dass der Bagger ab­rückt, damit sie weiterspielen können. So sind viele Szenen in diesem Film: Etwas passiert, doch die Menschen, die es be­trifft, er­ken­nen nicht, was es bedeutet. Aus dieser Spannung zwischen der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung entsteht die Energie der Geschichte.

          Der Pfirsichhain bei Alcarràs wird seit drei Generationen von der Familie Solé bewirtschaftet. Die spielenden Kinder gehören zu Quimet, dem Familienoberhaupt, und seiner Frau Dolors, zu seiner Schwester Nati und ihrem Mann Cisco und zu seiner zweiten Schwester Gloria, die für die Erntesaison aus der Stadt Lleida gekommen ist. In einer der ersten Szenen erfährt man beiläufig, dass die Solés keinen Rechtstitel für ihr Land be­sit­zen, und allmählich wird klar, was daraus folgt.

          Im Spanischen Bürgerkrieg haben die Vorfahren der Solés die Familie des Großgrundbesitzers Pinyol in ihrem Keller versteckt, vermutlich vor den Kommunisten. Zum Dank hat ihnen der alte Pinyol die Plantage überlassen. Aber sein Enkel fühlt sich nicht mehr an die mündliche Verabredung von damals gebunden, er will auf dem Land einen Solarpark errichten. Der Bagger vom An­fang ist die Vorhut der Maschinen, die das Terrain planieren sollen. Die Landwirtschaft, sagt der junge Pinyol, lohne sich nicht mehr.

          Aber noch ist die Pfirsichernte im Gang. Die Bäume stehen im Saft. Die Kaninchen, die ihre Zweige anfressen, werden von Quimet und seinem Sohn Roger mit Kleinkalibergewehren gejagt. Die Bewässerung aus dem Fluss Segre funktioniert, die Kulturlandschaft und ihre Bewohner sind im Gleichgewicht. Der erste, der begreift, dass dies alles enden wird, ist Rogelio, der Großvater der Kinder.

          Nach dem Bürgerkrieg war er selbst ein Knabe. Jetzt streift er unruhig durch die nächtliche Plantage, legt seine Hand an die Baumstämme, als wollte er sich von ihnen verabschieden. Mit seiner Enkelin Iris pflückt er besonders schöne Pfirsiche und bringt sie zu Pinyol in die Stadt, um ihn umzustimmen. Doch der lässt sich verleugnen. Später fährt Rogelio nach Alcarràs und setzt sich in der Dorfkneipe an seinen Stammtisch, um mit den anderen alten Obstbauern über den Erwerb eines neuen Stück Lands für seine Familie zu verhandeln. Aber sie sind alle schon mit Großunternehmen im Geschäft, die das Anbaugebiet nördlich des Ebro planmäßig aufkaufen.

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