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„About a Girl“ im Kino : Wie das so ist mit dem Totsein

  • -Aktualisiert am

Es hätte so schön sein können: Jasna Fritzi Bauer und Sandro Lohmann in „About a Girl“. Bild: Imbissfilm

Es gibt nur eins, das schlimmer ist, als die Pubertät zu verklären. Der Film „About a Girl“ zeigt, was passiert, wenn ein zu braves Drehbuch einen wilden Teenie gefangen hält.

          Natürlich wünscht man sich manchmal, wieder fünfzehn zu sein. Weil der Körper da noch keinen Kater zu kennen schien, zum Beispiel, und einen auch nach einer ganzen Nacht voller Erdbeerlimes in jugendlicher Frische aus dem Bett oder von irgendeinem fremden Sofa oder Fußboden aufspringen ließ. Und das Leben schließlich schon alleine deshalb viel aufregender war, weil es zum allergrößten Teil eben noch gar nicht stattgefunden hatte. Alles eine einzige große Erwartung.

          Oh, süße Nostalgie, die einen zu solch fahrlässigen Verklärungen verleitet! Zum Glück aber hält sie nie lange an. Denn dann verbringt man eine Ewigkeit von zwei, drei Stationen in der U-Bahn neben einer Teenieclique. Oder man sieht einen Film wie „About a Girl“. Und schon weiß man wieder, dass das alles gar nicht so lustig ist, mit fünfzehn. Oder doch lustig, aber auch schlimm, so schlimm, dass man zwischendurch einfach mal sterben will.

          Eigentlich mag man sie ja

          So geht es jedenfalls Charleen (Jasna Fritzi Bauer). Was Alkohol, Rauchen, Drogen, Sex angeht, ist sie ein eher braver Teenager: macht sie alles nicht. Dafür ist sie ziemlich wütend. Fotografiert gern tote Tiere. Hört am liebsten Musik von Musikern, die schon tot sind. Und will dann auch mal ausprobieren, wie das so ist mit dem Totsein.

          „About a Girl“ - ein Film, der nach einem Nirvana-Song benannt ist, in dem dann allerdings kein einziges Mal Nirvana gespielt wird. Sondern Indiepop. Nichts gegen Indiepop. Der ist schön, ein bisschen melancholisch, ein bisschen plätschernd - und unendlich harmlos. Wie dieser Film. Einen tollen, wütenden, rebellischen Teenager sieht man hier, gefangen in einem viel zu braven Drehbuch. Dabei fängt alles so gut an: Mit diesem hübsch animierten Vorspann, der an den großartigen „Juno“ von Jason Reitman erinnert. Den wirklich tollen Schauspielern (wie Heike Makatsch als die Mutter). Und den am Anfang noch sehr witzigen, schön zynischen und gemeinen Dialogen, wenn Charleens beste Freundin sie nach dem missglückten Selbstmordversuch zum Beispiel entsetzt fragt: „Du wolltest doch nicht wirklich sterben, oder?“, und die ungerührt antwortet: „Nein, ich wollte schwerbehindert überleben.“

          Immer öfter klingt Charleens Voice-over-Erzählstimme dann aber leider so: „Das Leben geht weiter, sagen die Leute, wenn was Schlimmes passiert ist. Ich würde mein Leben lieber mal anhalten.“ Oder einfach den Film, um endlich mal wieder normal und nicht so schrecklich aufgeschrieben sprechen zu dürfen. Aber nein, es geht immer weiter: Sie kriegt Hilfe von einem Therapeuten, sie verliebt sich in einen Mitschüler, ihre Mutter hält der Jugendamtsfrau eine Wehe-Sie-nehmen-mir-meine-Tochter-weg-denn-ich-liebe-sie-Rede, und ihrem Vater darf Charleen auch endlich mal ins Gesicht schreien. Und das alles würde man ihr ja gönnen, weil man sie inzwischen mag, die süße Charleen mit ihrem bösen Gesichtsausdruck und der rauhen Motzestimme. Wenn sie nicht mit jeder Minute des Films immer langweiliger, floskeliger, filmkompatibler würde.

          Sofort ausspucken!

          „Erwachsenwerden ist vielleicht kein Kindergeburtstag. Aber wer will schon für immer ein Kind bleiben?“, stellt sie dann am Ende ernsthaft fest. Was für ein pädagogisch wertvoller Werbespruch, so vernünftig und so furchtbar. Ja, vielleicht kann man nicht sein Leben lang wütend bleiben. Das ist eben Coming-of-Age. Aber muss Age denn unbedingt Anpassung bedeuten?

          Dieser Film ist die Geschichte einer Läuterung, einer Zähmung. Ihn gut zu finden hieße, die Hauptfigur zu verraten. Charleen, spuck sofort die vernünftigen Sprechblasen aus, verlass diesen Film und werd wieder ein wilder Teenager!, will man ihr zurufen. Denn wahrscheinlich gibt es nur eins, das schlimmer ist, als die Pubertät zu verklären: die Verklärung des Erwachsenseins.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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