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Filmfestspiele von Venedig : Wenn die Schwäne Horror tragen

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Von unwahrscheinlicher Jungfräulichkeit: Natalie Portman in Darren Aronofskys „Black Swan” Bild: Verleih

Explosive Mischung am Eröffnungsabend: Darren Aronofsky zeigt in „The Black Swan“ mit Natalie Portman den Horror in der blütenweiße Welt der Tütüs, Roberto Rodriguez hat Stars zum Schund überredet und schwingt in „Machete“ mit ihnen die blutige Klinge.

          Die Zukunft hat am Lido immer etwas länger gebraucht. Wenn man mit dem Boot ankommt, dann hat sich zwar der alte Anleger in ein silbrig geschwungenes Terminal verwandelt, aber die Baustelle vor dem Casino, wo bis zum kommenden Jahr ein neuer Festivalpalast am Meer entstehen sollte, sieht aus wie eine Brache. Weil Asbest gefunden wurde, wird sich die Eröffnung um ein weiteres Jahr verzögern. Nur die schönen weißen Stufen zum Casino sind verschwunden. Und das ehrwürdige Hotel des Bains ist geschlossen und befindet sich im Umbau in einen Apartmentkomplex. Aber das Unfertige und das Ruinöse gehören zum Festival in Venedig fast schon dazu.

          Damit niemand melancholisch wird, hat sich Festivalchef Marco Müller für den Eröffnungsabend eine apart explosive Filmmischung ausgedacht. Zum einen Darren Aronofskys „The Black Swan“, der in der blütenweißen Welt der Tütüs und fest geschnürten Ballettschuhe spielt, zum anderen „Machete“ von Roberto Rodriguez, in dem die Titelklinge geschwungen wird, dass das Blut nur so spritzt; und dazwischen Andrew Laus Kung-fu-Epos „Legend of the Fist: The Return of Chen Zhen“, der gleich damit beginnt, dass Donnie Yo an der Westfront 1918 eine deutsche Einheit im Alleingang dezimiert. Zusammen mit Bertrand Bliers Alkoholiker-Krebs-Phantasie „Le Bruit des glacons“ ergibt das einen ziemlich launigen Einstieg für die Freunde der Filmkunst.

          Eine pfiffige Replik aus Iran

          Vor dem Blier war ein Kurzfilm von Jafar Panahi zu sehen, dem die Bemerkung nachgestellt war, jede Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen sei reiner Zufall. Was natürlich als Aufforderung zu verstehen ist, die Parallelen zum Schicksal des im März inhaftierten und im Mai nach Hungerstreik und weltweiten Protesten freigelassenen Regisseurs zu suchen. „The Accordion“ erzählt in neun Minuten von einem Geschwisterpaar, das bettelnd durch die Straßen zieht. Er spielt Akkordion, sie trommelt und hält die Blechbüchse. Als sie merkt, dass sie sich aufs Gelände einer Moschee verlaufen haben, zieht sie erschreckt ein Kopftuch über, doch dem Bruder wird von einem Gläubigen das Instrument weggenommen, weil er mit der Musik einen Frevel begangen hat. Die beiden folgen dem Dieb durch den Basar, verlieren ihn aus den Augen, hören in der Nähe ein Akkordeon, und der Bruder hebt einen schweren Stein auf, um sich zurückzuholen, was ihm gehört. Doch naturgemäß ist das für Panahi keine Lösung, und so ist das Ganze eine pfiffige, sehr traurige Replik auf seine Situation in Iran.

          Vor zwei Jahren bildeten der Triumph von Aronofskys „The Wrestler“ und seines Hauptdarstellers Mickey Rourke den Abschluss des Festivals; diesmal könnte die Eröffnung mit Aronofskys „Black Swan“ am Ende zum Triumph für seine Hauptdarstellerin Natalie Portman werden. Sie trägt den Film von Anfang bis Ende mit einer Grazie, die in ihrer unwahrscheinlichen Jungfräulichkeit durchaus an Audrey Hepburn erinnert. Das Ganze ist auch eine mitunter symbolschwere Deflorationsphantasie zu den Motiven von „Schwanensee“. Darin die Hauptrolle zu spielen, ist der sehnlichste Wunsch von Portmans Ballerina, aber ihr Choreograph Vincent Cassel sieht in ihr nur den perfekten weißen, nicht aber den verführerischen schwarzen Schwan. Für das Mädchen, das noch zwischen rosa Plüschtieren schläft und von der Übermutter Barbara Hershey gegängelt wird, erweist sich das Ringen um ihre düstere Seite als mindestens so schwierig wie für den Film selbst.

          Schlachtfest mit Übereinkunft

          Mehr als eine Clubnacht auf Ecstasy und lesbische Phantasien kommen dabei nicht heraus, aber Aronofsky rettet sich in den Trick, den Ballettfilm mit Horrorelementen zu durchsetzen. Mal um Mal durchbrechen aufgekratzte Schultern, wunde Nagelbetten und immer blutigere Visionen die Oberflächen dieser von Ehrgeiz zerfressenen Welt. Die Phantasien wirken manchmal ein wenig altbacken, aber Natalie Portman schafft es, dass man sie quasi zu ihren Bedingungen durchlebt. Man kann sich an ihr kaum sattsehen.

          Am anderen Ende gängiger Schönheitsideale liegt Danny Trejo, der mexikanische Titelheld von „Machete“, mit seinem Leguangesicht. Entstanden ist der Film aus dem gefälschten Trailer, den Robert Rodriguez für Tarantinos Exploitation-Double Feature „Grindhouse“ geschnitten hat. Das Schlachtfest lebt von der Übereinkunft, dass das Schund-Genre der Siebziger aus der nötigen Distanz noch cooler ist als einst – und dem Witz, dass man das von Stars spielen lässt wie Robert De Niro, Steven Segal, Don Johnson, Michelle Rodriguez, Jessica Alba, Jeff Fahey und Lindsay Lohan. Bei all dem Hauen und Stechen muss man allerdings sagen, dass es beim Zusehen bald weniger schmerzt als ein einziger eingerissener Zehennagel bei Aronofsky. Jedenfalls haben alle mächtig Spaß, vor allem Marco Müller, denn der Ernst des Festivals wird alle noch früh genug einholen.

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