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Filmfestspiele von Venedig : Alles zehrt von Amerika

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Eröffnet Venedig: Keira Knightley mit „Atonement” Bild: AP

Chinesisch-amerikanischer Kulturkampf am Lido: Heute Abend eröffnen die Filmfestspiele von Venedig unter Juryvorsitz des Regisseurs Zhang Yimou. Ihm zur Seite: eine Art Weltliga von Filmkennern, die auf ein sehr amerika-lastiges Programm treffen. Das kann spannend werden, meint Dirk Schümer.

          An der chinesischen Seidenstraße liegen buddhistische Klöster, auf deren Wände die Mönche eine paradiesische Stadt gemalt haben, von denen ihnen die reisenden Kaufleute immer erzählten: eine magische Stadt, ins Wasser gebaut, mit Brücken und Kanälen und marmornen Palästen. Gemeint war natürlich Venedig, Tausende Kilometer westlich am anderen Ende der Seidenstraße. Die buddhistischen Venedigfresken der Wüste Gobi sind immer noch zu besichtigen, doch inzwischen läuft der Austausch von Waren und Gedanken in die Gegenrichtung.

          Bei den Filmfestspielen von Venedig gibt es dieses Jahr nicht nur Filme aus dem Reich der Mitte, das voriges Jahr mit dem kritischen Staudamm-Epos „Still Life“ von Jia Zhang-Ke den Goldenen Löwen errang, zu bewundern. Diesmal ist in Gestalt des erzpatriotischen Regisseurs Zhang Yimou sogar ein Chinese Präsident der Jury, was eigentlich auch an der Zeit war für die Stadt Marco Polos, in der man den europäischen China-Handel einst erfunden hat.

          Das wird nicht schiedlich ablaufen

          Dass der pompöse Historienfilmer Zhang Yimou überhaupt in die Lagune kommt, ist wohl nur den exzellenten Kontakten des Festivalchefs Marco Müller zu verdanken, der am Lido heuer zum letzten Mal Regie führt. Als Sinologe konnte er seinen Jurypräsidenten in dessen Sprache überreden, die Regievorbereitungen der Olympischen Eröffnungsfeier für Peking 2008 zehn Tage lang ruhenzulassen. Zehn Tage - das ist genau die Frist, die sich Zhang bei seinen Reisen stets gibt; dann wird das Heimweh nach China übermächtig. „Das ist nun mal mein Universum“, pries der konfuzianisch inspirierte Imperialregisseur seine Heimat.

          Keira Knightley und James McAvoy in „Atonement”

          Wenn sich Zhang mit sechs weiteren Regisseur-Kollegen auf die Preisträger einigt, wird das sicher nicht so schiedlich-friedlich ablaufen wie in einem buddhistischen Kloster. Unter Verzicht auf lästige Dreinschwätzer wie Produzenten, eitle Schauspieler oder gar die besserwisserische Filmjournaille sollen diesmal einzig Großmeister des Genres die Ernte einer Saison sichten. Wie der italienisch-türkische Psychofilmer Ferzan Ozpetek mit der neuseeländischen Bildermalerin Jane Campion, der niederländische Brachialfilmer Paul Verhoeven mit dem süditalienischen Ethnographen Emanuele Crialese oder gar der transgressiven Französin Catherine Breillat einen gemeinsamen Nenner finden wollen - bei diesen cineastischen Debatten würde man gerne Mäuschen spielen.

          Deutschland reist vierter Klasse

          Es wirkt aber leider ein bisschen so, als träte hier eine Weltliga von Kennern an, um ein eher amerikanisches Festival zu beurteilen. Immerhin neun von zweiundzwanzig Wettbewerbstiteln kommt aus, handelt von, wird dominiert von, zehrt von, wird bezahlt von: Amerika. Darunter mögen verheißungsvolle Arbeiten sein wie Todd Haynes' Biographie von Bob Dylan mit Richard Gere und Kate Blanchett. Der Neowestern „The Assassination of Jesse James“ des Australiers Andrew Dominik muss dagegen schon auf die Zugkraft des Stars Brad Pitt hoffen, der denn auch brav als Handlungsreisender am Lido einfliegen wird. Als wäre eine Quote von bald fünfzig Prozent Amerika nicht genug, gibt es auch noch - betreut vom Filmblutfanatiker Quentin Tarantino - eine große Retrospektive restaurierter Italowestern. Spätestens dann wirkt die Dominanz des zahmen Westens nur mehr langweilig. Als wär's noch nicht genug, darf Johnny Depp seinem Busenfreund Tim Burton einen Ehrenlöwen überreichen, wenn der am 5. September bei einem speziellen Trickfilmtag geehrt wird.

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