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Filmfestspiele Venedig : Zombies von der Leine

  • -Aktualisiert am

Jude Law in „Sleuth” Bild: Festival

Was will man mehr vom Filmfestival in Venedig, als dass ein Kamerateam in ein Haus voller Zombies gerät und dabei Bilder schießt, die wirklicher sind als die Wirklichkeit? Filme von Jaume Balagueró und Kenneth Branagh am Lido.

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          Kino wirkt auf den ersten Blick wie ein aufklärerisches Medium: Mit der Kamera in der Hand beleuchten die Künstler die Wirklichkeit und zeigen uns frische Bilder der Welt. In Wahrheit ist Kino ein einziges Lügengebäude, eine erlogene Wirklichkeit, gegen die jeder Hamburger wirkt wie Naturkost. Das weiß jeder. Noch perfider wird die Angelegenheit freilich, wenn die Regie die verwickelte Dialektik noch einmal dreht: Kino spielt absolute Wahrhaftigkeit, um uns so in den kompletten Wahn zu entführen. Es dürfte kaum einen Film geben, dem das so perfekt gelingt wie Jaume Balaguerós und Paco Plazas „REC“.

          Diese drei Buchstaben - als Nichtfilmer braucht man ein Weilchen, um darauf zu kommen - stehen auf der Aufnahmetaste einer handelsüblichen Videokamera. Ein solches Modell erscheint als Drehbuchautor, Regisseur, Hauptakteur und ist am Schluss dieses bemerkenswerten Horrorfilms der einzige Überlebende. Der Reihe nach: Ein Zweipersonenteam eines Billigsenders dreht eine Reportage vom Typ „Eine Nacht im Dienst mit der Feuerwehr“. Was anfangs nach einem langweiligen Dreh mit Feuerwache, Kantine, Turnhalle und Schlafsaal aussieht, wird schon lebendiger, als die aufgekratzte Moderatorin mit ihrem fleißigen Kameramann zu einem Notfall mit in den Feuerwehrwagen steigt. Doch die alte Dame, die sich vorgeblich in ihrer Wohnung eingesperrt hat, erweist sich als bissige Kontrahentin.

          Schlagartig aus dem Bild gebissen

          Natürlich ahnt das Publikum schnell, dass die sich zwischen Treppenhaus und Abflussrohr immer klaustrophobischer abspulende Story die guten alten, possierlichen Zombies mit Gebrüll von der Leine lässt. Wer von den Untoten in der katalanischen Mietskaserne erst einmal zerfleischt wurde, kehrt zur Not durch die Stahltür oder den Gully als blutgieriges Beißerchen wieder zurück. Das klingt arg konventionell, langweilig gar. Doch die Grundidee der beiden spanischen Horrorexperten trägt den Film tatsächlich: Wir sehen ausschließlich, was der Fernseh-Kameramann in seinem heldenhaften Bemühen um Zeugenschaft aufzeichnet: verwackelte Bilder, missratene Moderationen, unverständlichen Atmosound und Augenzeugen, die sich vor den Fernsehleuten umständlich ins rechte Licht setzen, bevor sie schlagartig aus dem Bild gebissen werden. Wenn die REC-Taste aus ist, blicken wir in schwarze Löcher, und irgendwann rennt das Bild mit seinem Schöpfer durch den Flur - ums pure Überleben.

          Bei keinem von Lars von Triers dänischen Dogmafilmen mit Reißschwenks und schiefer Belichtung ist die Lüge, authentisch zu sein, ähnlich weit getrieben worden wie in diesem genial realistischen Zombiehaus, von dem wir doch alle wissen, dass es so etwas gar nicht gibt. Es sei denn, das Kino steckt seine aufklärerische Nase in die Ritzen des Parketts und bricht eine Wirklichkeit aus den Dielen, die nurmehr auf die passenden Bilder gewartet hat. Gewiss - Horrorfilme leben nicht von Diskurserweiterungen, sondern von der eigentümlichen Lust am Unbequemen, Atavistischen, Unerklärbaren, das irgendwo im Kleinhirn haust, gleich neben der Sexualität. Doch Balagueró/Plaza bedienen das Publikum hier nicht nur als ausgefuchste Gruselonkel, sondern treten zugleich auch als witzige Avantgardisten auf, die aus den Mobilphonfilmchen von Katastrophen und schludrigem Billigfernsehen fürs abendfüllende Kino Kapital geschlagen haben.

          Der Herr der Kameras

          Auch Kenneth Branagh arbeitet in „Sleuth“ (das bedeutet auf Deutsch so viel wie Spürnase) mit scheinbar selbsterzeugten Bildern von Überwachungskameras, welche die beiden Protagonisten in einer einsamen englischen Landvilla bei ihrem diskursiven Duell ein ums andere Mal im Visier haben. Da ist der Herr der Kameras, der reiche, zynische, einsame Großschriftsteller, und sein Herausforderer, der arme, laszive, proteushafte Geliebte seiner sehr viel jüngeren Gemahlin. Während uns Branaghs Kino die Dame, um deren exklusiven und teuren Besitz es geht, nicht zeigt, müssen Michael Caine und Jude Law permanent die Rollen zwischen Kaninchen und Schlange tauschen.

          Mal ist es der alte Millionär, der sein teuflisches Spiel um geraubten Millionenschmuck, fingierten Einbruch und folgerichtige Notwehr treibt, dann kehrt der ausgetriebene und gedemütigte Rivale zurück, um aus dem Hahnenkampf plötzlich blutigen Ernst zu machen. Oder doch nicht? Der Plot Harold Pinters nach einem Roman Anthony Shaffers - bereits einmal mit Laurence Olivier verfilmt - erweist sich vor lauter exquisitem Kammerspiel und punktgegarter Dialogregie leider als alter, überreifer Käse: So oft wurde jeder brillante Wortwechsel gewendet und geputzt, angeschnitten und vorgekostet, auf der Zunge zerschmolzen, durchgekaut und verdaut, dass auch der Eklektiker und Theaterfilmer Branagh daraus nurmehr feinen Kompost bereiten konnte.

          Wo war die Stopptaste?

          So wie eine noch so brillante Schachaufgabe keine gestümperte Partie ersetzen kann, so wirkt auch dieser nicht unkluge und - vor allem von Michael Caine - mit großer Mimenkunst durchgespielte Plot von Beginn an tot. Am Ende fällt dann, das soll hier gerne verraten werden, in der Tat ein echter Schuss mit wirklich geladener Waffe, und der Darsteller Jude Law fällt dann wirklich staunenswert todesgerecht in den minimalistischen Fahrstuhlschacht und drapiert sich so wunderbar verrenkt im Neonlicht, dass dieser ultimative Take das leblose Drama endlich aus seiner kunstgewerblichen Klemme befreit. Denn dann ist es zu Ende.

          Wie und wieso, möchte man dann eigentlich gar nicht mehr so genau wissen. Kino, das lehrt der Preisvergleich im gutsortierten Festival-Regal, lebt durchaus von polierten und ausgefeilten Ideen, wird animiert von artistischen Effekten und fahrigen Gesten, die hundertmal durchgespielt werden müssen, damit sie echt wirken. Aber überzeugt ist das verwöhnte Publikum erst dann, wenn es vor lauter tollen Bildern die eigene Stopptaste nicht mehr findet. Wo war die noch mal?

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