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Filmfestspiele Venedig : Wir lagen vor Manhattan

  • -Aktualisiert am

Für Hanks ist im „Terminal” Endstation Bild: AP

Steven Spielbergs „The Terminal“ eröffnet die Filmfestspiele von Venedig. Tom Hanks gelingt als auf dem Flughafen gestrandetem Osteuropäer, der nicht nach Amerika einreisen darf, ein chamäleoneskes Meisterstück.

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          Sechzig beinahe lebensgroße Goldlöwen vor der Front des Filmpalastes am Lido müssen gleich zu Beginn des Festivals dem Sturm und dem Regen standhalten, der von der Adria auf die Könige der Savanne herüberpeitscht. Das Kino ist eben alles andere als ein gemütlicher Ort. Nicht zufällig besteht der venezianische Ehrenpreis in einer Raubkatze.

          Steven Spielberg, von Hause aus eher Hai- und Saurierexperte, eröffnet die Festspiele mit derselben Botschaft: Unser nomadisches und scheinbar geordnetes Dasein zwischen Ländern und Metropolen, zwischen Urlaub und Dienstfahrt, Transitlounge und Hotel wird schnell sehr unbehaust, wenn die große Reise einmal ins Stocken kommt.

          Einrichten in der „Tourist Lounge“

          In "The Terminal" gerät der Osteuropäer Viktor Navorsky in die Fänge der amerikanischen Einwanderungsbehörden. Weil ein Umsturz seinen leider gar nicht so fiktiven Kaukasus-Staat Krakozia über Nacht ins Chaos gestürzt hat, sind Viktors Papiere ungültig geworden, und zwar sowohl für die Ein- wie für die Rückreise. Der anfangs komplett hilflose Tourist - "Bürger von nirgendwo" - muß sich fortan in der "International Tourist Lounge" des New Yorker Kennedy-Flughafens einrichten. Der unerbittliche Sicherheitschef Dixon hat ihm das Motto vorgegeben: "America is closed."

          Doch der cineastische Frontalangriff auf die amerikanische Paranoia ist - anders als bei Michael Moore - nicht Spielbergs Thema, oder doch erst einmal nur am Rande. An der wahren Geschichte des verwirrten Iraners Karim Nasseri Mehran, der seit sechzehn Jahren im Terminal 1 des Pariser Flughafens in Roissy kampiert, hat den Erfolgsregisseur wohl vor allem die anthropologische Versuchsanordnung gereizt: Wie setzt sich der Reflex zum Nestbau auch am zugigsten Ort des Planeten durch? Ähnlich einem guten Wilden im rousseauschen Inselroman stolpert der unakzeptable Ankömmling, stets beobachtet von den Überwachungskameras der Polizei, in die Wüste unserer Zivilisation.

          Leben im Transit

          Viktor Navorsky erobert seinen neuen Lebensraum mit der Agilität eines Menschen, der es gewohnt ist, seinen Alltag zu erfinden. Die ersten Dollar für Cheeseburger verdient er mit dem Einsammeln von Gepäckwagen, später heuert er als talentierter Schwarzarbeiter bei einer Baufirma an und verdient dabei mehr als sein verbeamteter Widersacher im Überwachungsraum.

          Spielberg hakt die tragikomischen Episoden dieses Lebens im Transit ab: den ersten Bettenbau aus demontierten Sitzmöbeln; Navorsky, der sich aus CNN und Reiseführern Englisch beibringt und stoisch im Bademantel zur Körperpflege im Toilettenbereich marschiert; das Reinigungspersonal, das nachts bei Aeroflot-Kaviar und Alitalia-Chianti um Fundstücke pokert - Hauptpreis ein Damenslip aus der Luxusklasse von Virgin Air.

          Lupenreines Kammerspiel

          Aber gerade solch beiläufige Beobachtungen vertragen sich nicht mit der brachialen Kinoästhetik des Manipulators. Spielberg hat sich diesmal keinen Krieg, keine Monsterwelt, kein Actionspektakel für Halbwüchsige, sondern ein lupenreines Kammerspiel ohne technisches Brimborium zur Aufgabe gemacht. Dafür müßte er mit langen Einstellungen bei Navorskys Überlebenskampf verweilen, müßte die quälend lange und leere Zeit dehnen und fühlbar machen, anstatt mit schnellen Schnitten seine Story voranzutreiben - etwa die Halbromanze mit der mannstollen Stewardess Amelia, die Catherine Zeta-Jones mit rührseligem Augenaufreißen hollywoodesk herunterspielt.

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