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Filmfestspiele Venedig : Wer‘s sieht, wird gläubig

Erhielt den Goldenen Löwen für seinen Film „Pieta“: der südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk Bild: Reuters

Der Preisträger von Venedig, Kim Ki-Duks „Pieta“, ist eine Läuterungsgeschichte. Auch sonst war das Festival stark von Jenseitigem geprägt - ist da ein Wunder geschehen?

          Als der herzlose Stinkstiefel, dessen viel zu späte Läuterung Kim Ki-Duks Siegerfilm von Venedig in Szene setzt, vor einem buddhistischen Tempel einen Rollstuhlfahrer findet, der die Aussicht genießen will, hebt er ihn hoch und zeigt ihm ein Panorama, mit dem der Film enden zu wollen scheint. Berge, Wald, stilles Wetter: Die Schöpfung als Trost, eine ruhige visuelle Antwort auf die hektische menschliche Sündhaftigkeit. „Pieta“ ist in solchen Augenblicken nicht weit entfernt vom Gestus einer der großen Enttäuschungen des Festivals, Terrence Malicks desolater Bankrotterklärung „To the Wonder“, wo Wiesen und Brandung, Gesichter und Kirchenfenster sich zu einer Art Werbefilm für ein religiöses Produkt arrangiert finden, das nicht mehr existiert, seit die Kirche den Ablasshandel eingestellt hat. Die Menschen bei Malick sind Pappaufsteller seines Katechismus, die Figuren bei Kim Ki-Duk dagegen widersprüchlich, sowohl schuldig wie alleingelassen - das macht den ganzen Unterschied. Malicks Gesten sind leer, weil zu groß, Kim Ki-Duks dagegen effektiv, weil sparsam, schlank, wahrheitsfähig.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch dem Wettbewerbsangebot in Venedig hat eine merkliche Verschlankung gegenüber früheren Runden gutgetan. Das halbe Dutzend der besten Filme lag, was Fülle und Arrangement seiner Vorzüge angeht, dicht genug beieinander, dass die Preisentscheidungen die Urteilskraft der Jury herausforderten, statt auf der Hand zu liegen. Das geraffte Hauptprogramm schuf Gelegenheit, auch in den Kritikerprogrammen, den Retrospektiven und auf anderen Nebenschauplätzen reiche Bestände zu sichten - außer den üblichen Exoten taten sich da auch die Nordamerikaner hervor, von Robert Redford bis zu Henry Alex Rubin, dessen „Disconnect“ die filmische Durchleuchtung kommunikativer Engpässe und toter Zonen der Netzära um ein paar vielversprechende Gimmicks bereichert.

          Wer hat da getauft, geweiht, beschnitten?

          Ausbrecher nach unten gab es im Wettbewerb selbst, anders als beim letzten mal, kaum - am bedrückendsten berührte das Schauerspiel „Passion“ des sich zusehends in seine Schrullen auflösenden Brian de Palma. Bei den spannend gemeinten Szenen gab‘s Gelächter, bei den erotischen mischten sich Mitleid und Scham, bei den Überleitungen sank die Seele in weichen Schlummer.

          Thematisch fand man sich am Lido 2012 häufig auf einer Art Tempel-, Moscheen-, Synagogen- und Kirchentag: Mira Nair und Brillante Mendoza führten muslimische Hochzeiten und Begräbnisse vor, Kim Ki-Duk mischte Buddhistisches mit Christlichem, Ulrich Seidl konfrontierte Islam und Katholizismus, Mario Bellocchio nahm klerikale Positionen zur Sterbehilfe aufs Korn, Rama Burshtein gab jüdisch Orthodoxes zum Besten, bei Daniele Ciprì wurde ein Auto gesegnet, und Paul Thomas Anderson kratzte am Lack von Scientology. Was war da los? Wer hat das Filmfest getauft, geweiht, beschnitten? Glauben heißt vor allem: Dinge für wahr halten, die niemand sehen kann. Film, eine Kunst der visuellen Evidenz, scheint von der gegenteiligen Idee durchdrungen. Das Festival von Venedig aber hat demonstriert, dass das Kino gewinnen kann, wenn es Dinge behauptet, die es nicht zeigt - eine Erfahrung, die Blick und Herz wundern muss.

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