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Filmfestspiele Venedig : Wenn die Geister schweigen

  • -Aktualisiert am

Ellen Barkin spielte in „Palindromes” Bild: AP

Die wahre Liebe kommt als Überraschungsfilm: Neues von Todd Solondz, Oskar Roehler und Kim Ki-Duk in Venedig. Man sieht deutsche Stars und ein koreanisches Kinowunder.

          Natürlich müßte man von Oskar Roehler reden, der in einer Nebenreihe "Agnes und seine Brüder" zeigte. Oder von Spike Lee, von dem man nach "25th Hour" einiges erwarten durfte. Oder von Todd Solondz, der seit "Happiness" ein Liebling der Kritiker ist. Man müßte auch "Collateral" von Michael Mann erwähnen, der aber genauso bald ins Kino kommt wie all die anderen amerikanischen Großproduktionen, deren Stars hier Werbung machen. Aber eigentlich fährt man ja auf Festivals, um am Ende den einen Film zu finden, der seinen ganz eigenen Weg zum Herzen findet, einen, mit dem man vorher nicht gerechnet hat.

          Das kann dann nur ein Film sein, bei dem nach all den langen Stunden im Kino auf einmal die Zeit wie im Flug vergeht, der nicht mehr verspricht, als er einlösen kann, aber sich auch nicht mit weniger zufriedengibt. Tatsächlich stand dieser Film noch nicht einmal im Programm, war nur als "film sorpresa" angekündigt, weil offenbar nicht klar war, ob er bis zum Festival fertig würde. Der Film heißt "Binjip" und ist von Kim Ki-Duk, der gerade noch in Berlin mit "Samaria" einen Silbernen Bären gewonnen hat. Hier ist er jedenfalls fürs erste auch ein Kandidat für einen Preis.

          Wie die Travestie eines Fassbinder-Melos

          Aber zuerst muß man doch von den anderen reden, von Roehler und Lee, Solondz und Mike Leigh. Oskar Roehler erzählt in "Agnes und seine Brüder" gleich drei Geschichten, aber die des transsexuellen Titelhelden findet merkwürdigerweise kaum zu ihrem Recht. Statt dessen folgt er den Brüdern, dem verklemmten Bibliotheksgehilfen (Moritz Bleibtreu) und dem gestreßten Politiker (Herbert Knaup), die zwar auch wenig miteinander zu tun haben, aber wenigstens in sich glaubhaft sind.

          Wirkt etwas verloren: Regisseur Todd Solondz

          Der Film ist fast bis in die letzte Nebenrolle namhaft besetzt - Katja Riemann, Tom Schilling, Vadim Glowna, Martin Semmelrogge -, und es ist ein ziemliches Vergnügen, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie sich auf ihre Rollen stürzen. Der Film wirkt wie die Travestie eines Fassbinder-Melos und ist oft eine ziemliche Farce, aber mit einer Freude am Delirium inszeniert, daß man Roehler fast alles verzeiht.

          Insofern ähnelt er Spike Lees "She Hate Me", der seine Themen auf ähnlich fröhliche Weise vermischt. Was bei Roehler Sexsucht und Alkoholismus sind, ist hier Wirtschaftkriminalität und Samenspende. Das ganze abgründige Kuddelmuddel möchte sich ebenso gerne als Kritik am eigenen Land verstehen wie bei "Agnes", aber gerade an diesen Stellen wirken die Filme besonders bemüht, weil die vermeintliche Moral dauernd unterwandert, was die Figuren an eigener Wahrheit erspielt haben.

          Zwei Abtreibungsfilme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten

          Wesentlich konsequenter sind "Palindromes" von Todd Solondz und "Vera Drake" von Mike Leigh, zwei Abtreibungsfilme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wo der eine es gut meint, gefällt sich der andere in Bösartigkeit. Vera Drake ist eine herzensgute Hausfrau, die Abtreibungen als eine Art Nachbarschaftshilfe betreibt. Als die Sache einmal schiefgeht, landet sie vor Gericht. Der Film spielt 1950 in der englischen Nachkriegsenge, und Leigh beschwört wie immer das Leben der kleinen Leute im liebevollen Detail, aber am Ende glaubt man das alles schon viel zu oft gesehen zu haben.

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