https://www.faz.net/-gqz-p60c

Filmfestspiele Venedig : Wenn die Geister schweigen

  • -Aktualisiert am

Todd Solondz ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von Leigh. Er versucht so zwanghaft allen Erwartungen ins Gesicht zu schlagen, daß sein "Palindromes" sehr schnell nur noch mutwillig wirkt. Ein Mädchen wird schwanger, die Eltern überreden es zur Abtreibung, es flieht von zu Hause und hat nur einen Wunsch: gleich wieder schwanger zu werden. In lieblichen Postkartenbildern werden die größten Bösartigkeiten inszeniert, so daß einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Solondz degradiert sein Personal zum Gruselkabinett, egal, ob Häßliche oder Behinderte, christliche Fundamentalisten oder Pädophile vor der Kamera stehen. Das klingt zynisch, hat aber seine eigene bizarre Logik.

Die stärkste Idee besteht darin, die Hauptrolle mit ständig wechselnden Darstellern zu besetzen. Mal ist das Mädchen schwarz, dann weiß, mal dick, dann dünn, und am Ende wird es auch mal von Jennifer Jason Leigh gespielt - in Solondz' Amerika gilt Identität gar nichts mehr. Der Mensch ist bei ihm nur noch ein Müllhaufen aus Seifenoperndialogen, Ratgebergeschwätz, Bibelphrasen und Werbezeilen. Aber in seinem steten Ringen um den Tabubruch wirkt der Film über weite Strecken einfach nur öde.

Eines jener Kinowunder, auf die man immer hofft

Solchermaßen malträtiert, wankt man aus dem Kino ins Freie und hat zehn Minuten Zeit, um sich für den nächsten Film zu sammeln. Der stammt ausgerechnet von Kim Ki-Duk, dessen gewalttätige Parabeln oft ziemlich anstrengend sind. So sitzt man da, vor die Leinwand geduckt, in Erwartung der nächsten Schläge - und dann kommt alles ganz anders. "Binjip" (Dreier-Eisen) ist eines jener Kinowunder, auf die man auf Festivals immer hofft, ein Film, aus dem man glücklicher herauskommt, als man hineingegangen ist. Es gibt Momente, da kommt man sich vor wie in einer Geschichte von Truffaut, weil sich die Schönheit so hinterrücks in die Bilder schleicht.

Ein junger Mann steigt in Häuser ein, deren Bewohner verreist sind. Er stiehlt nichts, sondern macht es sich gemütlich, stöbert im Leben der Leute herum, repariert sogar dies und das und wäscht die liegengebliebene Wäsche. Er nistet sich als guter Geist auf Zeit ein und verschwindet, wenn die Leute zurückkommen. Das einzige, was er mitnimmt, sind Fotos, die er von sich in der fremden Umgebung gemacht hat.

In einem Haus aber, das er verlassen glaubt, begegnet er einer jungen Frau, die von ihrem Mann geschlagen worden ist. Verwundert verfolgt sie aus dem Schatten sein Treiben, unternimmt aber nichts. Als der Mann zurückkommt und wieder gewalttätig wird, schießt ihn der Eindringling mit ein paar Golfbällen nieder, die er mit dem Dreier-Eisen schlägt. Woraufhin die Frau mitgeht, wortlos, und die beiden fortan gemeinsam in Wohnungen einsteigen.

Natürlich kann die Sache nicht auf Dauer gutgehen. Sie werden ertappt, ihr Mann wird sich rächen, der Junge kommt ins Gefängnis. Woraufhin die Frau allein die Häuser aufsucht, in denen sie gemeinsam waren. So wird nach und nach eine Geistergeschichte aus dem Film, in der sich zwei Liebende nur noch berühren können über die Orte und Gegenstände, welche die Geschichte ihrer Liebe erzählen. Am Ende begreift man, daß kein einziges Wort zwischen den beiden gefallen ist, nicht eines. Und doch ist alles gesagt. Das ist ein Kunststück, das Kim Ki-Duk so schnell keiner nachmachen wird.

Weitere Themen

Grinsender Alptraum Video-Seite öffnen

Filmkritik „Joker“ : Grinsender Alptraum

In Venedig hat „Joker“ die Jury überzeugen können, nun kommt der Film von Todd Phillips in die deutschen Kinos. F.A.Z.-Kritiker Bert Rebhandl hat ihn bereits gesehen und weiß, wieso er zu den wichtigsten Filmen des Jahres gehören wird.

Topmeldungen

Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.