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Filmfestspiele Venedig : Weltproblem Blutrachekino

John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz auf dem 68. Filmfestspiel in Vendig Bild: dpa

Haie auf den Filmfestspielen in Venedig: Polanskis „Carnage“ mit Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz besticht mit Witz und von Madonnas zweitem Film „W/E.“ können so manche Hysteriker noch lernen.

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          „Ich hasse die Japaner“, sagt ein Kind, und der alte Häuptling zieht eine zustimmende Grimasse. Wer will es den beiden verdenken? Schließlich haben jene kaiserlichen Imperialisten ihre Dschungelinsel besetzt und wollen ihnen die selbstgeköpften Totenschädel wegnehmen, um sie durch Postämter und Schulen zu ersetzen. Einst brachten verfeindete Clans einander hier nach Herzenslust um. Seit die Besatzer diese Fehden zur Landnahme genutzt haben, macht nicht einmal das mehr Spaß. So erhebt sich denn der Warlord Mouna Rudo, um sich durch die zweieinhalbstündige Krawallschmonzette „Warriors of the Rainbow: Seediq Bale“, die hier im Wettbewerb läuft, zu hacken und zu schießen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der taiwanesische Regisseur Wei Te-Sheng will damit angeblich das Leid der Ureinwohner seiner Heimat problematisieren. Und wenn schon – die computeranimierten Flugzeuge, Tiere und explodierenden Menschen, die er dafür verheizt, sehen lächerlich aus; die antikoloniale Moral wird, da die Heldenpartei aus männerbündischen Egomanen besteht, die gern Wehrlose niedermetzeln, eher desavouiert als gestärkt, und die ganze Angelegenheit ist dreimal so lang wie erträglich. Der Stolz des Urigen kann nirgends verdecken, wie kopflos hier Bilder, Flötentöne und Blutfontänen westlichen Vorbildern zwischen „Braveheart“ und „Avatar“ hinterherhecheln. Das dumpfe Spektakel zeigt bloß, wie die Welt aussieht, wenn der verlogene Ethno-Schmalz des Weißen Mannes endlich auch in Schwellenländern produziert wird: barbarisch.

          Schmerzhafte Gesichtsentgleisungen

          Man erholt sich davon gern bei gehobener Doku-Fiction wie „Vivan Las Antipodas!“ von Viktor Kossakovsky, einer internationalen Produktion, an der sich auch das ZDF und der WDR beteiligt haben und die nicht im Wettbewerb steht. Schmetterlinge trinken aus Pfützen, die Kamera dreht sich um sich selbst, menschliche Lebenswelten von je einander gegenüberliegenden Orten auf unserem armen Planeten werden ineinandergespiegelt. Zwischendurch fasst ein Argentinier Moralgüter zusammen, die so alt sind wie die Stammesriten in „Seediq Bale“: Ein Instrument zum Holzfällen sei „wie eine Frau, so was verleiht man nicht“.

          Popstar Madonna zeigt einen Film außer Konkurrenz: „W./E.” handelt von zwei parallelen Liebesgeschichten

          Wenn nur die beiden Ehepaare, die Roman Polanskis sehr bösen, sehr witzigen neuen Film „Carnage“ (im Wettbewerb) bevölkern, ähnlich einfache Gebote befolgen würden! Aber Christoph Waltz (Rechtsverdreher) und Kate Winslet (Edelhausfrau) sowie John C. Reilly (Toilettenspülungsvertreter) und Jodie Foster (linke Ziege) sind zugleich komplizierter und archaischer als dergleichen. Das Kind von Waltz und Winslet hat das Kind von Reilly und Foster verdroschen. Die Eltern des Geschlagenen laden die des Schlägers zu sich ein, und alle vier zerstören in rund achtzig Minuten zynischer, beschwipster und manischer Konversation das Abendland. Guter Gott, kann Waltz grinsen, Haie, versteckt euch! Den allergrößten Spaß hat Polanski, der diesen öligen Handygangster beim Grinsen nicht stört, sichtlich daran, seine drei amerikanischen Stars wie europäische Charaktermimen in schmerzhafte Gesichtsentgleisungen zu dirigieren. Besonders sehenswert: Jodie Foster als Judy Winters Wiedergängerin und greinende Kunstliebhaberin. Karl Kraus lehrt, „besoffene Bauern“ seien etwas ganz anderes als „betrunkene Bauern“ – im Sinne solcher Präzision muss gesagt werden: Wenn Kate Winslet bei Polanski schlecht wird, dann erbricht sie sich nicht einfach, sondern kotzt. Szenenapplaus in Venedig – nur die unnötig nette Coda, für Polanskis Verhältnisse fast versöhnlerisch, stört den Spaß an „Carnage“ ein bisschen.

          Bessermachen statt Blutrache

          Madonna, auch so eine Amerikano-Europäerin, hat jetzt ihren zweiten Film (nach „Filth and Wisdom“ vor drei Jahren) gedreht, ohne darin mitzuspielen. Das Prinzip, wonach nicht das Drehbuch, sondern die Regie beim Film die Autorschaft begründet, ist ihr aus dem Hauptberuf geläufig: Sie war stets Autorin ihrer Musik, wer immer sie jeweils geschrieben oder produziert hat. Ihr Film „W/E.“ (außer Konkurrenz gezeigt) handelt von zwei parallelen Liebesgeschichten, der allbekannten um den britischen König Edward, der für seine bürgerliche Liebste auf den Thron verzichtet, und der gegenwärtigen einer unglücklich verheirateten New Yorkerin zu einem russischen Intellektuellen, der als Wachmann bei Sotheby’s arbeitet. Der Film hängt mitunter durch, seine Bildsprache leidet darunter, dass einmal gefundene Tricks wie etwa die Übersetzung des jeweiligen Intimitätsniveaus in Körnigkeitsstufen der Aufnahme leicht streberhaft zu oft wiederholt werden. Aber die Frauen im Mittelpunkt der Handlung erspielen sich ihre Räume und der Umgang mit Musik, wen wundert’s bei dieser Regisseurin, streift mitunter das Geniale (besser als hier sind die Sex Pistols nicht einmal von ihrem Manager Malcolm McLaren eingesetzt worden). Einige Szenen sind süß, einige lustig, Oscar Isaac als Russe spielt wie ein Engel und insgesamt ist „W./E.“ um Längen besser als jeder Film, in dem Madonna selbst je mitgespielt hat sowie, was sie besonders freuen wird, besser als fast alles, was ihr Ex-Mann Guy Ritchie vorweisen kann. Liebe Hysteriker von Taiwan bis New York, lernt von Madonna: Blutrache ist überflüssig, Bessermachen reicht.

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