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Filmfestspiele Venedig : Vögelchenperspektive

  • -Aktualisiert am

Sharon Stone und William H. Macy sind von „Bobbys” Tod erschüttert Bild: AFP

Zur Halbzeit zeigt Venedig zwei Filme von Emilio Estevez und Benoît Jacquot. Während der eine mit einem wahren Staraufgebot seine löchrige Handlung vertuschen will, setzt der andere mit einem einzigen Star auf dichte Erzählkunst.

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          Jedes Festival möchte im Grunde immer auch seine eigene Geschichte erzählen, und wenn es gelingt, dann überlagert sie zeitweise tatsächlich die einzelnen Erzählungen der Filme. Aber natürlich kommt es viel häufiger vor, daß der Faden verlorengeht und sich nur noch ein Film an den anderen reiht - meistens ist es nach der ersten Festivalhälfte soweit. Auch diesmal in Venedig. Vielleicht ist es aber auch nur ein kurzes Atemholen, ehe am Donnerstag David Lynchs dreistündiger „Inland Empire“ auf dem Lido landet.

          Emilio Estevez ist der Sohn von Martin Sheen und gehörte in den achtziger Jahren zu einer Gruppe von Schauspielern, die als „Brat Pack“ den Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden ein Gesicht gaben. Zuletzt war Estevez nicht mehr ganz so gefragt und hat sich seither aufs Regieführen verlegt. Sein Film „Bobby“ handelt von Robert F. Kennedy und erzählt vom 5.Juni 1968, an dem die demokratische Präsidentschaftshoffnung im Ambassador Hotel in Los Angeles erschossen wurde.

          Ein loses Netz voll mit Stars

          Im Tagesverlauf werden verschiedene Schicksale im Hotel verfolgt, die sich am Ende etwas unmotiviert kreuzen, und der Reiz des Films liegt darin, daß in all diesen Nebenrollen Stars auftreten: Anthony Hopkins als ehemaliger Empfangschef, Harry Belafonte als sein ebenfalls pensionierter Kollege, Demi Moore als abgetakelte Sängerin, Estevez selbst als ihr genervter Ehemann, Laurence Fishburne als Koch, William H.Macy als Manager, Heather Graham als Telefonistin, Martin Sheen als Geschäftsmann mit Selbstzweifeln, Helen Hunt als seine nervöse Ehefrau, und Sharon Stone betreibt einen Schönheitssalon und ist die Traurigste von allen.

          Schauspielerin Islid Le Besco ist der Star in „L'intouchable”
          Schauspielerin Islid Le Besco ist der Star in „L'intouchable” : Bild: AFP

          Das hochkarätige Ensemble kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß zwar all ihre Geschichten als Gesellschaftsporträt jener Jahre des Aufruhrs angelegt sind, aber nicht wirklich die Spannweite von Robert Altmans Ensemblefilmen entwickeln. Ihre Szenen sind immer gut gemeint, aber nur halb so gut geschrieben und inszeniert, und wenn der Tag dann seinem traurigen Höhepunkt entgegensteuert, ist ihr Zusammenhang nur ein allzu loses Netz, mit dem das Zeitkolorit eingefangen werden sollte. Kennedy selbst taucht nur in Fernsehaufnahmen auf und bleibt gewissermaßen die Platzhalterfigur, auf die alle enttäuschten Utopien projiziert werden. Jener Tag im Jahre '68 ist, wenn es nach dem Film geht, der Tag, an dem die Hoffnung auf ein gewaltfreies Amerika starb. Der Krieg ging weiter, die Rassenkonflikte wurden schärfer, und der naive Charme von „Bobby“ liegt in seinem Glauben, mit Bobby Kennedy wäre alles anders geworden - ein wohlmeinender politischer Kommentar in der Form eines ambitionierten Fernsehfilms.

          Neugierde statt Erklärungen

          Benoît Jacquots „L'intouchable“ (Der Unberührbare) ist in jeder Hinsicht das Gegenteil und konzentriert sich ganz auf ein einziges Gesicht, das seiner Hauptdarstellerin Isild Le Besco, die immer wirkt wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, das aber dann mit großer Zähigkeit seinen eigenen Weg geht. Dem ordentlich Gemachten setzt Jacquot Filme entgegen, die oft wie Rohskizzen wirken und dadurch die Welt mit einer anderen Lebendigkeit einfangen.

          Le Besco spielt eine junge Schauspielerin, die von ihrer Mutter am achtzehnten Geburtstag erfährt, daß ihr Vater in Wahrheit ein Inder gewesen sei, und die sich auf den Weg macht, ihm in Delhi und am Ganges auf die Spur zu kommen. Der Film setzt auf Neugierde statt Erklärungen und läßt sich mit seiner Heldin durchs Gewühl in Indien treiben, fängt dabei Bilder von den Leichenverbrennungen der Unberührbaren ein und mündet in eine Geschichte, die mit allzu leichter Hand gestrickt scheint.

          Aber am Ende, wenn Isild Le Besco nach Paris zurückkehrt, findet der Film zu einer so simplen wie schönen Geste: Als ihr Geliebter Fragen stellen will, legt sie nur den Finger an die Lippen. Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schweigen. Das ist auch im Kino manchmal ein gutes Rezept.

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