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Filmfestspiele Venedig : Shakespeares Obama-Drama

  • -Aktualisiert am

Governor Morris (George Clooney) spricht zu seinen Anhängern: Szene aus „Ides of March”. Bild: Saeed Adyani

George Clooney glaubt an den Film als Mittel der Aufklärung und linksliberaler Kritik. Mit seinem „Ides of March“ eröffneten die diesjährigen Filmfestspiele von Venedig.

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          Basisgruppenheinzelmännchen stecken den Leuten am Lido kleine Zettel an die Fahrräder: Kommt zum „Festa di Liberazione“. Jeden Abend bis zum vierten September gibt es da politische Partizipation und „buona musica“, verspricht der Provinzialsekretär der Rifondazione Comunista.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch in George Clooneys „The Ides of March“ wird, bevor man sich Schmuddel-Abmachungen im inneren Kreis der Demokratischen Partei zuwendet, die Basis gezeigt – ein Obdachloser trägt ein Schild: „Will vote for food“.

          Kunst, auch filmische, lässt sich zu ihrem Schaden demokratisieren, das Ergebnis heißt Kitsch. Demokratie lässt sich zu ihrem Schaden ästhetisieren, das Ergebnis heißt Populismus. Beiden erliegt das Werk nicht, mit dem Clooney am Mittwoch Abend als Regisseur wie Co-Hauptdarsteller die 68. Filmfestspiele von Venedig eröffnen durfte. Erzählt wird das grausame Erwachen eines jungen Wahlhelfers (Ryan Gosling), der während offener Vorwahlen zur Präsidentenkür über seinen Kandidaten und sterblichen Gott (Clooney) lernen muss, dass der zwar seine Ideale ernst meint, ansonsten aber ein Mensch ist (und zwar kein besonders guter). Das Beste, was in Hollywood heute herumläuft, von Philip Seymour Hoffman (Goslings Vorgesetzter) über Paul Giamatti (dessen Erzrivale im feindlichen Team) über Marisa Tomei (als Reporterin, die ihre „New York Times“ verkörpert wie diese die „liberal media“) bis hin zu echter Fernsehprominenz wird aufgeboten, um einen gigantischen Medialcäsarismus zu inszenieren, der Clooney schon früher beschäftigt hat.

          Die neue Infosphäre

          Sein Stoff war diesmal zunächst ein Theaterstück von Beau Willimon namens „Farragut North“. Der neue Titel, der an Shakespeares Römerdramenwelt erinnern soll, schreibt die „Julius Cäsar“-Zitate aus Clooneys letztem politischen Opus „Good night, and good luck“ fort. Das biedere Gerangel um öffentliche Objektivität, das im verflossenen Fernsehzeitalter jenes Films stattfand, hat die Gegenwart hinter sich gelassen. Der Regisseur folgt ihr darin: Die aktuellsten Hetzer von Rush Limbaugh bis Sean Hannity, der Drudge Report, Roll Call, die fiesesten unter den Bloggern bevölkern jetzt den Hintergrund, vor dem Plakate mit Clooneys Gesicht leuchten, die denen von Barack Obamas Kampagne nachempfunden sind. Die neue Infosphäre setzt Clooneys Linksliberalismus wohl so schwer zu wie andere Umwälzungen im Herzen der Kulturindustrie seinem Traum, die Spielfilmform könnte noch einmal Hilfsmittel der Aufklärung sein.

          Diese Form der gestellten Welt, die bei Strafe des Wirkungsverlusts so tun musste, als wäre sie unmittelbar erlebbar, ist für die Jugendlichen, die mit dem Handy im dunklen Kino einfangen, was auf der Leinwand passiert, aus dem Sekundären ins Primäre gerutscht – für Youtube zu bearbeiten. Gleichzeitig haben erst DVDs, dann Video-Streaming und seine Korrelate die Kontrolle über die Aufmerksamkeitsökonomie des Filmerlebnisses von den darstellenden, den Skript- und den Regiekünsten ins Zuschauerbelieben verlagert.

          Setzen auf Bewährtes

          Man kann in Filmen jetzt vor- und zurückblättern, Evidenzen auflösen in die Lektüre von Kommentaren oder Arbeitsspuren der Filmentstehung. Zahllosen neuartigen Prozessen sind Filme damit Rohstoff, Vorprodukt, unkritische Masse, sowohl für die unterschiedlichsten Investoren und ihr „Soft Money“ wie für die Foren kurzlebiger Erregung in allerlei Netzen.

          Ästhetische Urteile (das Kapital der Kritik) und ihre Begründungen (das Wechselgeld derselben) sind in dieser Lage eine elend weiche Währung geworden. Die Internet Movie Database, Wikipedia und Google haben die Faktensammelei der Kellercinéasten entwertet, während anonyme Massen mit ein paar Gadgets Meinungen über eben Gesehenes und Gehörtes ins iPhone tippen, dort mit einem Hashtag („#Veneziacinema“) versehen und dann auf Facebook, MySpace, Google Buzz und drei Milliarden Pages und Widgets großzügig verteilen können.

          Clooney setzt dem entgegen, was er hat: Fleiß, Jazz, Atmosphäre (Kneipen! Hotelzimmer! Studios!), Beharrlichkeit im Thematischen wie Formalen. Andere Talente, die beim Festival in Erscheinung treten werden, setzen auf ähnlich Bewährtes: Andrea Arnold auf urbritische Kostümepik, Tomas Alfredson auf John Le Carré, Roman Polanski auf Familiengemetzel, David Cronenberg auf Sigmund Freud. Ob der Griff nach dieser Sorte Goldstandard und Konvention eher Rückzug oder Anlauf zu Neuem bedeutet, werden die nächsten Tage zeigen. „Konvention“ muss nichts Schlechtes oder Dummes sein. Man kann darunter ja auch eine Regelsorte verstehen, die dazu da ist, Mehrheiten und ihre Medien vor sich selbst zu schützen. George Clooney hat in diesem Sinn einen erzkonventionellen und eben damit hochachtbaren Film geschaffen, der Kritik und Konkurrenz noch beschäftigen wird.

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