https://www.faz.net/-gqz-va50

Filmfestspiele Venedig : Lust, Schuld und melancholische Männer

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Unglaubliche Spannbreite im Wettbewerbsprogramm der Filmfestspiele: Neue Filme von Brian De Palma, Tony Gilroy und Ang Lee. De Palmas „Redacted“ ist die radikalste Antwort des Kinos auf Abu Ghraib - dagegen verblasst sogar George Clooney als Anwalt.

          3 Min.

          Festival bedeutet auch, dass man gerade noch guter Dinge aus einem Anwaltsthriller mit George Clooney gekommen war und sich einen Film später fühlt, als habe man eine über den Schädel gezogen bekommen, und sich an Clooney kaum mehr erinnert. Und das liegt nicht daran, dass „Redacted“ im Irak-Krieg spielt, sondern dass er von Brian De Palma gemacht worden ist - und vor allem wie. Sein Film ist ein Media-Mix aus Videobild und Datenstream, Überwachungskamera und Web-Blog, YouTube und iChat, also das genaue Gegenteil eines Schlachtengemäldes, wie es zu Festivalbeginn von „Abbitte“ nochmal heraufbeschworen wurde.

          De Palma zeigt den Alltag eines amerikanischen Grenzpostens in Samara, die lähmende Routine, die allgegenwärtige Angst, die erzwungene Kameraderie - und wie der Stumpfsinn eskaliert in der Vergewaltigung eines fünfzehnjährigen irakischen Mädchens und der Ermordung ihrer Familie. Wo andere Kriegsfilme mit inszenierter Authentizität den Blick fesseln, da zersplittert De Palma die Wahrnehmung so nachhaltig, dass die Manipulation stets spürbar bleibt. Dass bei ihm der Realismus immer Mittel zum Zweck bleibt, macht seinen Film so verstörend und bösartig.

          Lust und Schuld des Voyeurismus

          Lust und Schuld des Voyeurismus war immer schon Thema der Thriller De Palmas, und diesmal trifft seine obsessive Methode, mit unseren Blicken zu spielen, auf ein Thema, dessen Schrecken sich jedem Genre entziehen. Wenn man so will, ist „Redacted“ die radikalste Antwort des Kinos auf Abu Ghraib, weil es der Faszination der Bilder einen Spiegel auf eine Weise vorhält, wie das außer De Palma keiner wagen würde. Man darf gespannt sein, wie die ausschließlich aus Regisseuren zusammengesetzte Jury auf diesen Film am Ende reagieren wird.

          George Clooney als „Michael Clayton”

          Hinter der offensiven Machart verblassen für den Moment die anderen Wettbewerbsbeiträge ein wenig. Dabei ist Tony Gilroys Anwaltsthriller, in dem George Clooney den Titelhelden „Michael Clayton“ spielt, einer der interessanteren Vertreter seines Genres. Im Dickicht eines Prozesses gegen einen Nahrungsmittelkonzern verliert einer der Anwälte (Tom Wilkinson) die Nerven, und Clooney wird von der Kanzlei geschickt, den Mann zur Räson zu bringen. Als Mann für alle Fälle hat er allerdings genügend eigene Probleme, hat Spielschulden und Geldeintreiber am Hals, deren Fristen ihm wenig Spielraum lassen, eine Sache in Griff zu kriegen, die bei näherer Betrachtung immer weitere Kreise zieht. Gilroy gelingt es dabei, das Milieu der Grisham-Romane mit dem Blick der paranoiden Thriller der siebziger Jahre zu durchleuchten, und er hat vor allem die Schauspieler, die den Film in jedem Moment tragen: Tilda Swinton als skrupellose Anwältin der Gegenseite, die nur auf der Damentoilette ihre eisige Fassade fallen lässt; Wilkinson als depressiver Jurist, dem die Sicherungen durchbrennen; Sydney Pollack als diabolischer Chef; und Clooney, der auch dann fasziniert, wenn er keinen Siegertypen spielt.

          Das Rauchen als Kunstform

          Ein Mann, der Melancholie ähnlich attraktiv aussehen lassen kann, ist Tony Leung, der in den Filmen Wong Kar-Weis das Zigarettenrauchen quasi zu einer neuen Kunstform gemacht hat. In Ang Lees neuem Film „Lust, Caution“ spielt er einen Geheimdienstchef, der für die japanischen Besatzer Chinas in Schanghai unbarmherzig die Rebellen verfolgt. Seine Tätigkeit bildet allerdings nur den Hintergrund einer vertrackten Geschichte um Liebe und Täuschung, Begierde und Verrat, die zu entfalten sich Ang Lee zweieinhalb Stunden Zeit lässt. Eine junge chinesische Schauspielerin wird auf Leung angesetzt, eine Scheinexistenz wird aufgebaut, die ihr erlaubt, als Freundin seiner Frau ihm näherzukommen, um seine Ermordung zu ermöglichen. Tatsächlich wird sie irgendwann seine Geliebte, ohne dass es ihr wirklich gelingen würde, ihn aus der Deckung zu locken.

          Ang Lee zelebriert die Langsamkeit der Entwicklungen, auf jeden Schritt nach vorn kommen zwei zurück, bis nicht mehr zu unterscheiden ist, wie tief sich die beiden in die Beziehung verstrickt haben, ob sie jeweils vom Doppelspiel des Gegenübers etwas ahnen und sich sehenden Auges darauf einlassen oder ob sich hinter der Begierde womöglich doch Gefühle verbergen, derer sie sich nicht erwehren können. Damit Ang Lees Spiel aufgeht, erlaubt er sich erotische Freizügigkeiten, bei denen man im ekstatischen Spiel der Körper versucht, jener Wahrheit auf die Spur zu kommen, die die Spionagegeschichte sonst so nachhaltig verschleiert. Aber selbst nackt lassen die beiden kaum je die Hüllen fallen, die sie für ihr Versteckspiel brauchen. Wo bei De Palma alles vor unseren Augen ausgebreitet wird, fragt man sich bei Ang Lee hinterher, ob überhaupt irgendwas gewesen ist. So hat der Wettbewerb schon in den ersten Tagen eine unglaubliche Spannbreite entfaltet.

          Weitere Themen

          So riecht Sozialkritik

          „Parasite“ im Kino : So riecht Sozialkritik

          Ein Leben, das aus Füßen besteht, eine Familie, die eine andere befällt, und überall bildhafte Bedeutung: Der Cannes-Gewinner „Parasite“ steckt voller revolutionärer Energie.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.