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Filmfestspiele Venedig : Kamerakranfahrten durchs zwanzigste Jahrhundert

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Einfache Leute als nimmermüder Quell von reizend widerborstigen Anekdoten: Szene aus dem Eröffnungsfilm „Baarìa” Bild: Marta Spedaletti

Während Baustellen von der Zukunft der venezianischen Filmfestspiele künden, verneigt sich der Eröffnungsfilm tief und schief vor der Vergangenheit. Zum Glück gibt es auch gleich ein Gegengift zu sehen: den smarten spanischen Horrorfilm „(REC)2“.

          Im Unterschied zu Cannes waren die Filmfestspiele auf dem Lido immer ein wenig verschlafen, und selbst bei abendlicher Betriebsamkeit verteilten sich die Zuschauermassen so auf die Flaniermeile zwischen Hotel Excelsior und dem Casino, dass auf dessen weitläufigen Stufen sich die Kritiker versammeln, rauchen, diskutieren, Pressehefte überfliegen und einen letzten Espresso trinken konnten, ehe sie ins Kino verschwanden. Ganz früher konnte man von den Stufen noch aufs Meer blicken. Dann wurden dort Buden und Sponsorenstände aufgestellt, hinter denen man den Strand nur noch ahnen konnte – und seit diesem Jahr kann man dort überhaupt nicht mehr sitzen, denn vor dem Casino ist eine riesige Baustelle.

          Dort wird die Zukunft des Filmfestivals gebaut, jener neue Festival- und Kongresspalast, von dem sich der Festivalchef Marco Müller gleich einen ganzen Systemwechsel verspricht. Verschlafen ist schätzungsweise ein Wort, das einem nicht mehr so schnell in den Sinn kommen soll, wenn hier irgendwann alles unterirdisch zusammengewachsen ist. Auf den Plänen, welche die Bauzäune zieren, sieht das zukünftige Gebäude aus wie ein goldener Pottwal, der auf der Strandpromenade knapp vor dem Casino gestrandet ist. 2012 soll er fertig sein, bis dahin werden die Besucherströme hinter der Baustelle herumgeführt, ein neues Zeltkino ist errichtet worden, um die einzelnen Filmreihen besser voneinander abzusetzen, und in ein paar Jahren wird man vielleicht wieder auf den Stufen sitzen können, um hinter dem goldenen Ungetüm das Meer zu ahnen.

          Gleich geblieben sind allerdings die Temperaturen im Kinosaal des Casinos, wo man den Eindruck hat, man sehe die Filme in einer Kühltruhe, die den Kritikern gleich alle Hitzigkeit austreiben soll. Gänsehaut konnte man allerdings auch von „(REC)2“ bekommen, der smarten Fortsetzung des spanischen Horrorerfolgs von Jaume Balagueró und Paco Plaza. Im Grunde machen die beiden das Nächstliegende und erzählen dieselbe Geschichte einfach noch mal, fügen dem Schrecken aber noch eine weitere Dimension hinzu. Einst ist ein Fernsehteam mit einem Trupp Feuerwehrleute in ein unter Quarantäne stehendes Haus in Barcelona eingedrungen und sah sich plötzlich von Tollwütigen attackiert, die sie dezimierten und in die Enge trieben. Nun macht sich ein Sonderkommando auf, um nach Überlebenden zu suchen, und erleidet dasselbe Schicksal.

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          Beide Male besteht der Schrecken vor allem darin, dass die begleitenden Videokameras ihn wie im „Blair Witch Project“ quasi live dokumentieren und die Enge des Gesichtsfeldes die Düsternis um ein Vielfaches bedrohlicher wirken lässt. Wo sich der erste Teil an George Romeros „Crazies“ orientierte, da bewegt sich der zweite eher durchs Terrain von Friedkins „Exorzist“. Der Horrorfilm lebte schließlich noch selten von rationalen Erklärungen, sondern tastete sich immer an die Grenzen unserer Vernunft, um sichtbar zu machen, was jenseits von ihr sein Unwesen treibt. Der Mann vom Gesundheitsministerium entpuppt sich jedenfalls bald als Priester, die Infizierten sind vom Teufel Besessene, und die Aufgabe lautet, das Blut eines Mädchens sicherzustellen, um ein Antiserum gegen den Satan zu finden. Das Konzept erweist sich erneut als extrem tragfähig, und wie der erste Teil hält auch die Fortsetzung einen entzückend schockierenden Schluss bereit.

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