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Filmfestspiele Venedig : Ein Salzbergmann kennt keinen Schmerz

  • -Aktualisiert am

Unser Botschafter: Horst Krause alias Schultze Bild: dpa

Der Botschafter des deutschen Films am Lido heißt Schultze: In „Schultze gets the blues“ zeigt Michael Schorr ein Deutschland der Bierbäuche, Gartenzwerge und Blasmusikvereine. Die Italiener sind begeistert.

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          Nicole Kidman, deren abgehagertes Gesicht von einem offiziösen Programmplakat herablächelt, hat dem Filmfestival in letzter Sekunde die kalte Schulter gezeigt. Das wäre sehr leicht zu verschmerzen, wäre wenigstens Horst Krause gekommen. Die Breitwandpräsenz dieses Schauspielers begeisterte das Publikum im einzigen Gegenwartsbeitrag, den das kümmernde deutsche Kino hier abzuliefern imstande war: "Schultze gets the blues" von Michael Schorr.

          Das Sittenbild aus der sachsen-anhaltinischen Provinz, wo der frühpensionierte Salzbergmann Schultze an der Ziehharmonika seiner traditionellen Polka abschwört und den flotten Zydeco aus Louisiana entdeckt, lebt von einem lakonischen Humor - etwas Buck, etwas Kaurismäki - und von der lebensechten Szenerie der gewesenen DDR. Vor allem aber lebt "Schultze" von Krause, den man sich gern am Lido beim Strandspaziergang in Badehose vorgestellt hätte, beim cineastischen Plaudern mit Omar Sharif und Gina Lollobrigida. Doch Krause blieb zu Hause.

          Bierbäuche und Gartenzwerge

          Die Ursache der offenkundigen internationalen Zuneigung für das Mitteldeutschland, das Schorr schildert, liegt auf der Hand. Es ist ein Deutschland der Bierbäuche, der Gartenzwerge, der Karnevals- und Blasmusikvereine, der kaputten Schwerindustrie. Es ist dieses Land, das den Berlusconis und Stefanis, aber auch allen kultivierteren Franzosen, Polen und Amerikanern vorschwebt, denken sie an Deutschland. Es ist von ungeschlachten Menschen namens Schultze, Schulz, Strunz oder Krause bevölkert, die dann aber neben ihrem häßlichen Deutschsein plötzlich überraschende Gemütstiefe offenbaren.

          Wenn Krause alias Schultze auf seinem Schifferklavier mit Innenschau Melodiebögen sucht, wenn er mit Buddhablick bei seiner dementen Mutti im Altenheim ausharrt, wenn er behaglich das Bierchen in seiner Datsche unter der Abraumhalde kippt, wenn er als Verkäufer einer Türenfirma vor einem Abholmarkt wegschnarcht - wenn er sich also pflichtgemäß als einsamer, frühpensionierter, aber vor allem tiefromantischer Deutscher outet, wird er in diesem komischen und zärtlichen Film zur Ikone des international nicht vorhandenen germanischen Kinos.

          Endlose Halbtotalen

          Schorrs feiner Spielfilmerstling lebt außer vom DDR-Design, das in monumentalen, endlosen Halbtotalen gewürdigt wird, von Dutzenden feinen Slapstick-Einfällen: Schultze verrußt mit einem alten Brennofen einen Gebrauchtwagenmarkt, Schultze sprengt mit nervösem Swing die Jubiläumsfeier seines Musikvereins, Schultze schippert schließlich einsam durch die Sümpfe von Louisina auf der urdeutschen Suche nach seiner halbverklungenen Lebensmelodie. Die obligatorische Amerikareise à la Sägebrecht fügt dem Werk aber nichts Entscheidendes hinzu. Statt weiter alle Klischees zu überdrehen und in den köstlichen Saale-Unstrut-Humor hineinzuhorchen, muß dieser Film am Ende noch zum zähen boat movie werden. Doch hat der Pfälzer Schorr bewiesen, daß die DDR dem vereinigten Vaterland wenn schon keine Goldmedaillen bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, so doch großartige Filmkulissen beschert hat.

          Auch Paris ist eine nette Filmkulisse, zumindest für einen kalifornischen, von Europa begeisterten Regisseur wie James Ivory. Er sucht die Tristesse am anderen Ende der Schultze-Skala, nämlich beim französischen Landadel. In dieses heikle Soziotop hat die naive Amerikanerin Roxy hineingeheiratet, und als sie dann ihr gefühlskalter Gatte mit Kind und Schwangerschaft zurückläßt, soll die angereiste Schwester Kelly (als echtes US-Cremeschnittchen großartig: Kate Hudson) helfen. Weil die sich aber in den attraktiven Onkel Edgar (als aristokratischer Herrenmensch perfekt: Jean-Jacques Pivert) verliebt und sich ihm zuliebe in alteuropäische Seidenwäsche zwängt und grellrote Hermès-Krokotäschchen spazierenträgt, wird "Le divorce" zum transatlantischen Familienkrieg um Habe und Gefühle, Stil und Ehre.

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