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Filmfestspiele Venedig : Durchgeknallt, Herr Kommissar?

  • -Aktualisiert am

Verfolger schöner Frauen: Szene aus „En la ciudad de Sylvia” Bild: Festival

Das Festival von Venedig nähert sich mit Filmen von Johnnie To, Nikita Michalkow und José Luis Guerin seinem Ende. Letzterer erzählt von einem jungen Mann, der für sein Leben gern schönen Mädchen nachschaut.

          Was Venedig von anderen großen Festivals unterscheidet, ist der Umstand, dass es nach der Hälfte praktisch vorbei ist. Wo anderswo die Höhepunkte sorgfältig über die Tage verteilt werden, wird am Lido alles, was gut und teuer ist, regelmäßig am ersten Wochenende verfeuert. Dass sich in der zweiten Festivalhälfte dann doch gelegentlich etwas findet, was das Gefallen der Jury findet, gehört dann eher zu den Unwägbarkeiten der Programmierung.

          Wenn also im letzen Jahr ausgerechnet der Überraschungsfilm, dessen Titel erst am Aufführungstag selbst bekanntgegeben wird, den Goldenen Löwen gewinnt, dann ist das der reine Zufall. In diesem Jahr war man entsprechend alarmiert, weil der „film sorpresa“ wie der Vorjahressieger „Still Life“ von Jia Zhnagke wieder aus Asien kommen sollte, aber dann entpuppte sich die Überraschung als Polizeithriller aus Hongkong, eine thematisch nicht unoriginelle, aber stilistisch durch und durch konventionelle Arbeit von Johnne To, die „Mad Detective“ heißt und einen durchgeknallten Kommissar zeigt, der sich in seine Fälle tiefer versenkt, als ihm selbst guttut. Interessant war nur, dass der Mann die multiplen Persönlichkeiten seiner Gegenüber leibhaftig vor sich sieht und der Film diese Perspektive übernimmt, indem dann im Extremfall sieben Leute zu sehen sind, wo in Wirklichkeit nur einer sitzt. Dass die Schlusseinstellung über einem zerschlagenen Spiegel versucht, die Scherben der Geschichte einzusammeln, war dann kaum noch eine Überraschung.

          Trübe Proporzmachenschaften

          Immerhin hat Johnnie To dem Genre die Ehre erwiesen, indem er sich auf die handelsüblichen neunzig Minuten beschränkt hat, während Nikita Michalkow in „12“ die „Zwölf Geschworenen“ auf Moskauer Verhältnisse gebracht und auf eine Weise entschleunigt hat, dass man in der ohnehin geläufigen Konstellation das Räderwerk auf geradezu ohrenbetäubende Weise mahlen hörte. Der Vatermörder ist in diesem Fall ein junger Tschetschene, und die Geschworenen bilden die russische Gesellschaft so holzschnittartig ab, dass selbst das gut fünfzig Jahre alte Original dagegen noch brandaktuell wirkt. Michalkow inszeniert die einzelnen Auftritte mit einer Selbstgefälligkeit, gegen die keine Kamerafahrt gewachsen ist, und wenn man dagegen eine formal aufregend frische Arbeit wie den spanischen Horrorfilm „REC“ hält (siehe: Filme von Jaume Balagueró und Kenneth Branagh am Lido), der nur in einer Nebenreihe lief, dann fragt man sich, welche trüben Proporzmachenschaften beim Wettbewerb am Werk sind. Das ist allerdings eine Frage, die sich auch in Berlin und Cannes immer wieder stellt.

          Verglichen damit wirkt dann sogar der spanische Beitrag „En la ciudad de Sylvia“ von José Luis Guerin einleuchtend, obwohl er in seiner Konstruiertheit eher wie eine Filmhochschularbeit wirkt. Aber wenigstens ist er konsequent in der Art, wie er die Suche eines jungen Spaniers nach einer Frau aus seiner Vergangenheit inszeniert. In der erste halben Stunde sieht man ihn zeichnend in einem Straßburger Café sitzen und die Frauen studieren, die nächste halbe Stunde sieht man ihn einer der Frauen durch die verwinkelten Gassen folgen, und in der letzten halben Stunde wird die Sache abgewickelt. Das ist vielleicht ungelenk, aber mit einer Faszination für den Zusammenhang von Topographie und Erotik erzählt, die in ihrer Rohheit aufrichtig wirkt.

          Aufrichtig wirkt auch Quentin Tarantinos Bedauern, dass er dieses Jahr leider nicht die Reihe mit den Italo-Western begleiten könne, weil er sich eine Rückenverletzung zugezogen habe - auch wenn die Entschuldigung nach Rafael van der Vaart klingt. Er wünsche sich, schreibt er in einem Fax an Festivalchef Marco Müller und seine Freunde, dass Sergio Corbucci neben Sergio Leone aufgenommen werde in die Reihe der großen Westernregisseure wie Ford, Hawks und Mann. Aber auch wenn man seine Liebe zum Abseitigen durch und durch respektiert, wird man ihm diesen Wunsch nicht erfüllen mögen. Zumal hier jeden Abend Western von Budd Boetticher laufen, der diesen Platz viel eher verdient hätte. Erst mal geht es ohnehin darum, wer den Platz in der Reihe der Löwengewinner einnehmen wird.

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