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Filmfestspiele Venedig : Die Zeit der Wunder

  • -Aktualisiert am

Nicholas Cage in „Bad Lieutnant” Bild: Festival

Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ erzählt vom Höllensturz eines korrupten, drogensüchtigen Polizisten. Ausgerechnet Werner Herzog hat nun ein Remake mit Nicholas Cage gedreht: eine hirnrissige Idee?

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          Wer einmal Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ aus dem Jahr 1992 gesehen hat, in dem Harvey Keitel den Höllensturz eines korrupten, drogensüchtigen Polizisten mit einer Radikalität bis zur Selbstentäußerung verkörpert, der muss ein Remake dieses Films für eine hirnrissige Idee halten. Noch dazu mit Nicolas Cage in der Hauptrolle, der sich zu einem der verbrauchtesten Schauspieler Hollywoods entwickelt hat. Und dass dann ausgerechnet Werner Herzog Regie führt, ist eine so abenteuerliche Idee, das sie fast schon wieder gut ist. Immerhin kann man behaupten, dass sich Ferraras und Herzogs Helden in ihrer Wahnhaftigkeit nicht unähnlich sind, aber das macht das Projekt nicht plausibler - zumal Klaus Kinski nicht mehr zur Verfügung steht.

          Ferrara nahm die Sache auch nicht unbedingt mit Humor. Er wünsche den Filmemachern einen langen, qualvollen Tod, ließ er sich vernehmen. Woraufhin Herzog fragt: Ferrara, wer ist das? Ein italienischer Regisseur? Und Ferrara drohte wiederum, er werde sich rächen, indem er ein Remake von „Aguirre, der Zorn Gottes“ drehe. Dann wiederum hieß es, „Bad Lieutenant - Port of Call: New Orleans“ sei gar kein Remake, sondern habe im Grunde nur den Titel mit dem Original gemein. Nun war der Aberwitz in Venedig endlich zu besichtigen, und man kann sagen: Es ist natürlich schon ein Remake, insofern es die Situation des Helden kopiert, Teile der Geschichte und Szenen verwendet, aber es ist natürlich auch kein Remake, weil es mit dem Geist des Originals nichts zu tun hat.

          Trotzdem ist es ein ganz ordentlicher, atmosphärisch dichter, manchmal gar exzentrischer Polizeifilm, in dem Nicolas Cage eine Zeitlang der Herausforderung fast gewachsen ist - ehe dann doch alles zur Karikatur wird. Das, was Cage spielt, und das, was Herzog anstellt. Denn im Remake endet der Höllensturz jäh, und wie in einer Parodie auf die Zwänge Hollywoods wendet sich plötzlich alles zum Guten: Der Held löst den Fall, die Prostituierte wird schwanger, die Alkoholiker werden trocken . . . und alle Menschen werden Brüder. Und auch wenn die Schlussszene dieses unwahrscheinliche Happy-End wieder auflösen will, fragt man sich, ob Herzog diese Überzeichnung für eine besonders perfide Kritik an Kinomechanismen von innen heraus hält - oder ob mit ihm einfach die Gäule durchgegangen sind. Sicher ist jedenfalls, dass, wenn Ferrara diesen Schluss zu Gesicht bekommen sollte, er eigenhändig für Herzogs langsamen, qualvollen Tod wird sorgen wollen.

          Regisseur und Schauspielerin: Werner Herzog mit Eva Mendes
          Regisseur und Schauspielerin: Werner Herzog mit Eva Mendes : Bild: AFP

          Festivalchef Marco Müller wäre es zuzutrauen, dass er die Wunderheilung des Bad Lieutenant absichtlich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Jessica Hausners „Lourdes“ programmiert hat, bei der das allerdings schon rein stofflich eine entschieden größere Logik hat. Die Österreicherin erzählt von der Pilgerfahrt einer an Multipler Sklerose Erkrankten (Sylvie Testud) zum französischen Wallfahrtsort, und es liegt in der Natur des Kinos, dass mit Wundern jederzeit zu rechnen ist. Selbst dann, wenn der Pilgertourismus und seine Abläufe mit fast dokumentarischem Interesse in Szene gesetzt werden. Aber am Ende schafft Jessica Hausner es, eine Wendung zu finden, die uns die Fragilität von Wundern vor Augen führt. Werner Herzog jedenfalls hat ein Wunder dringend nötig, denn nächste Woche ist auch Abel Ferrara mit einem Film am Lido.

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