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Filmfestspiele Venedig : Die Sehnsucht stirbt zuletzt

  • -Aktualisiert am

In „Birdwatchers”, dem Wettbewerbsfilm von Marco Bechis, hat das Volk Guarani-Kaiomá die Hauptrolle Bild:

Ausgestelltheiten aller Art hat man dieser Tage am Lido schon zu viele gesehen. Doch Marco Bechis Wettbewerbsfilm „Birdwatchers“, in dem das Volk der Guarani die Hauptrolle spielt, lässt seine Rivalen alt aussehen. Und auch Werner Schroeter liefert mit „Nuit de chien“ ein bewegendes Alterswerk ab.

          Wie schwierig es ist, Filme einem Land zuzurechnen, sieht man an Marco Bechis: geboren in Santiago de Chile, Mutter Chilenin, Vater Italiener. Aufgewachsen in São Paolo und Buenos Aires. 1977 aus Argentinien ausgewiesen, nach Mailand gegangen. In New York, Los Angeles, Paris als Fotograf und Videokünstler gearbeitet. Filme in Indien, Bosnien und Argentinien gedreht. Und nun: „Birdwatchers“, mit brasilianischem und italienischem Geld in Mato Grosso del Sul entstanden. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht und der Wettbewerb nicht noch Überraschungen bereithält, wird der Film auch einen Preis gewinnen.

          Ein Boot mit Touristen auf Vogelschau gleitet einen Fluss hinab, plötzlich steht am Ufer eine Gruppe von Indios in Bemalung, sieht regungslos den Touristen zu, ehe die Indios ihre Bögen heben und Pfeile abschießen und das Boot sich schnell davonmacht. Aber was den Touristen als Abenteuer verkauft wird, ist in Wahrheit inszeniert. In der nächsten Szene sieht man, wie die Indios in normale Kleidung schlüpfen, eine paar Scheine ausgehändigt bekommen und mit dem Lastwagen zurück in ihr Reservat gefahren werden. Und in der Folge behält Marco Bechis diese Perspektive bei: Wo die Indios in Filmen wie „The Mission“ oder „Aguirre“ nur Staffage waren, stellt hier das Volk der Guarani-Kaiowá die Hauptdarsteller.

          Das Drama eines verlorenen Volkes

          Wie Bechis die Laien zur Schauspielerei gebracht hat, ist ein Grundkurs in Kinematographie. Anfangs, so erzählt er, hätten die Guarani stets zu viel und zu schnell gesprochen. Daraufhin hat Bechis ihnen Szenen aus Hitchcocks „Vögel“ und Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ gezeigt – und zwar dreimal. Zuerst normal, dann mit zwei Sekunden Schwarzfilm zwischen jedem Schnitt und dann noch mal ohne Ton. Um ihnen begreiflich zu machen, wie Schnitt funktioniert – und wie wichtig das Schweigen im Kino ist.

          Inszeniert als Touristenattraktion: Halbnackte Indios geben das Gefühl von Abenteuer

          Das Ergebnis ist von beeindruckender Intensität, bei der die Sprache, die Gesten und die Natürlichkeit der Guarani ihre eigene Poesie entfalten. Bechis erzählt das Drama eines verlorenen Volkes, dessen Vorstellungen von Heimat und Gemeinschaft nicht in Reservaten einzugrenzen sind, mit einer so selbstverständlichen Meisterschaft, dass man zumindest einen Film lang die Perspektive der Birdwatchers zu verlassen glaubt. Es beginnt mit zwei Guarani-Mädchen, die sich im Urwald aufgehängt haben, und endet mit den Schmerzensschreien eines jungen Schamanen, die sich wie die Kantaten von Domenico Zipoli über das Land legen – dazwischen liegt der verzweifelte und gewitzte Versuch, ein Stück Land gegen die Großgrundbesitzer zu behaupten, der all die anderen Zusammenstöße von Tradition und Moderne hier auf dem Lido ziemlich alt aussehen lässt.

          Travestie statt Natürlichkeit

          Vom anderen Ende des filmischen Universums kommt Werner Schroeter, dessen Werk die nationalen Grenzen allerdings ähnlich unbekümmert überschreitet. In „Nuit de chien“ hat er nun einen Roman des Uruguayers Juan Carlos Onetti mit überwiegend französischen Schauspielern in Portugal verfilmt. Natürlichkeit zählt bei ihm wenig, er versucht, der Wirklichkeit über Travestie auf die Spur zu kommen. Ein namenloser Krieg, eine Stadt im Belagerungszustand; dorthin kommt ein Arzt (Pascal Greggory) zurück, um nach seiner Geliebten zu suchen. Seine Suche führt ihn durch Nachtclubs und Folterkeller, er begegnet Generälen und Huren, Tod und Terror sind allgegenwärtig. Wie Schroeter dies alles zu einer einzigen Nacht verdichtet, hat schon wegen seines Starensembles (Amira Casar, Sami Frey, Nathalie Delon, Bulle Ogier, Jean-François Stevenin, Bruno Todeschini und Elsa Zlyberstein) Augenblicke von großer Kraft, aber genauso oft zerfällt die Dringlichkeit seiner Erzählung unter Ausgestelltheiten aller Art, von denen man am Lido in den letzten Tagen schon zu viele gesehen hat.

          Aber am Ende kann man doch sagen, dass diese „Nuit de chien“ das bewegende Alterswerk eines Mannes ist, der sich fragt, was im Angesicht des Todes zählt, und feststellt: Die Sehnsucht stirbt zuletzt.

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