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Filmfestspiele Venedig : Der Schwätzer und die letzten Dinge

  • -Aktualisiert am

Auch in seinem neuen Film „Capitalism - A Love Story” weiß Michael Moore zu provozieren Bild:

Bei den Filmfestspielen in Venedig stellt Michael Moore seinen neuen Film „Capitalism - A Love Story“ vor und provoziert nach gewohntem Muster - lautstark und polemisch. Doch es gibt auch leisere Töne im Wettbewerb, zum Beispiel von Filmemacherin Claire Denis.

          Nachdem die Werner-Herzog-Festspiele vorüber sind, die ihm als erstem Regisseur gleich zwei Wettbewerbsbeiträge erlaubten, wird er am Lido abgelöst von einem ähnlich begnadeten Selbstdarsteller, dem Dokumentarfilmer Michael Moore. Am Nachmittag vor der Vorführung seines neuen Films „Capitalism – A Love Story“ gibt er eine öffentliche Interviewstunde, bei der er verkündet, wenn er im nächsten Jahr wieder zum Festival komme, werde es bereits keine Tageszeitungen mehr geben, zumindest nicht in Amerika. Wenn seine Prophezeiung allerdings auf ähnlich tönernen Füßen steht wie die Argumentation in seiner verfilmten Kapitalismuskritik, dann muss es einem um die Zukunft der Presse nicht bange sein.

          Dass der Erfolg seiner Filme zum guten Teil auf seinen Fähigkeiten als ihr Hauptdarsteller beruht, auf seiner Lust an der Provokation und seinem Hang zur Polemik, war bekannt, selten schien sie jedoch ähnlich hohl wie hier. In einem kunterbunten Bilderbogen, der alles in einen Topf wirft, was einen zum Thema einfallen mag, zieht er über die Auswüchse des Kapitalismus her, der seine Kinder frisst. Es geht um Firmen, die mit Lebensversicherungen vom Tod ihrer Angestellten profitieren, und um Menschen, die in den Ruin getrieben wurden, um demokratische und christliche Ideale, die vom Profitstreben mit Füßen getreten werden, und um einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

          Fremdheit und Zärtlichkeit

          Kurz: Es geht um alles – und dann auch wieder um nichts, weil er die Bilder einsetzt, wie es ihm in den Kram passt, und wo er keine Argumente hat, zeigt er besonders gerne weinende Kinder. Wenn man sich zwischendurch vorstellt, dieselben Methoden würden auf eine weniger gerechte Sache angewandt, kann einem schlecht werden. So vorgetragen, bekommt der Zorn auf die Banken etwas Wohlfeiles, der nur blind statt irgendetwas sichtbar macht. Lichtere Momente hat der Film nur, wenn Moore als Provokateur und Performancekünstler auftritt, indem er etwa mit einem gelben Absperrband die Bank of America einzäunt: „Crime scene – do not cross“ steht da.

          Genau und zugeneigt: der Blick der Filmemacherin Claire Denis in „White Material”

          „Capitalism“ ist ein Film für jene, deren Beifall ihm ohnehin sicher ist. Ob ihm damit hier ein Coup wie die Palme in Cannes für „Fahrenheit 9/11“ gelingt, darf bezweifelt werden. Wünschen würde man es hingegen Claire Denis, seit Jahren eine der aufregendsten Filmemacherinnen der Welt, der jede Art von Selbstbezogenheit fremd ist. In ihren Filmen wie „Beau Travail“, „L’intrus“ oder „35 rhums“ forscht sie nach den Dingen, die die Welt im Innersten zusammenhalten, Gewalt und Leidenschaft, Traum und Erinnerung, Alltag und Routine, Fremdheit und Zärtlichkeit.

          Unterschied zu Michael Moore

          In „White Material“ folgt sie der Auflösung einer Kaffeeplantage in den Wirren eines afrikanischen Bürgerkriegs. Die Arbeiter fliehen, die Besitzerin (Isabelle Huppert) versucht, im Dorf neue Arbeiter zu organisieren, um die Ernte noch einzufahren, der Mann (Christopher Lambert) will seine Haut durch Geschäfte mit dem Bürgermeister und seinen Milizen retten, der Vater (Michel Subor) ist zum Sterben krank, und der erwachsene Sohn ist auch keine Hilfe, weil er längst auf seinem eigenen Trip ist. Aber so einfach sind die Beziehungen bei Denis nie zu durchschauen, weil man sie sich auch selbst erschließen muss. Die Faszination rührt daher, dass die Figuren nie um Aufmerksamkeit buhlen, sondern nur so viel preisgeben, wie man in die Begegnung mit ihnen zu investieren bereit ist. Durch ihre Welt bewegt man sich auf Augenhöhe, erst tastend, dann neugierig, bis man irgendwann gefangen ist. Und wenn die Gewalt dann ausbricht, folgt sie nicht den üblichen Regeln des Kinos, sondern mit einer Beiläufigkeit, in der ihre Willkür und Grausamkeit umso schockierender spürbar werden. Wie genau und zugeneigt der Blick von Claire Denis ist, merkt man schon daran, dass man Isabelle Huppert selten so bei sich gesehen hat wie hier.

          Auch Patrice Chéreau hat mit Huppert schon gearbeitet, in „Gabrielle“, der 2005 am Lido gezeigt wurde. Nun erzählt er in „Persécution“ die Geschichte eines Mannes (Romain Duris), dessen Beweggründe ähnlich schwer auszumachen sind wie einst die von Gabrielle. Die einfachen Beziehungen haben Chéreau noch nie interessiert, sondern eher die Mutwilligkeit, mit der die Liebe immer wieder aufs Spiel gesetzt wird.

          So weiß man auch nie, woran man bei seinem Helden ist, der ständig auf dem Sprung zu sein scheint, in verschiedenen Wohnungen lebt, die er renoviert, und eine Beziehung zu einer Frau unterhält (Charlotte Gainsbourg), die selbst oft unterwegs ist. Die beiden können nicht ohne einander, aber miteinander schon gar nicht. Chéreaus Film ist schroff wie sein Held, aber er belohnt die Ausdauer mit einer Rohheit der Emotionen, die anderswo so nicht zu haben ist. Sowohl Claire Denis wie Chéreau sind neugierig auf das, was ihre Filme zutage fördern – das unterscheidet sie von Michael Moore.

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