https://www.faz.net/-gqz-10aua

Filmfestspiele Venedig : Der letzte Auftritt des Aristokraten

  • -Aktualisiert am

Während der Wettbewerb in Venedig auf der Stelle tritt, geht man in eine Dokumentation über Michelangelo Antonioni. Allein diesem Mann zuzusehen und zuzuhören entschädigte für die ganze Langeweile zuvor.

          Es gibt so Tage auf Festivals, da fragt man sich, warum man sich eigentlich dem Gutdünken des Festivalchefs aussetzt, indem man artig jeden seiner Kandidaten für den Wettbewerb aussitzt. Tage, an denen die Filme noch nicht einmal besonders schlecht sind, sondern sich einfach auf einem mittleren Niveau dahinschleppen und ausgetretenen Pfaden folgen oder sich in einem Dickicht verrennen, aus dem kein Weg herausführt. Am Sonntag war so ein Tag, wo man sich aus dem Wettbewerb in die Retrospektive gewünscht hätte und sich wahrscheinlich sogar über Filme von Dino Risi oder Mario Monicelli gefreut hätte, obwohl die wahrlich nur zweite Garde waren.

          Stattdessen also der Film des verdienten persischen Filmemachers Amir Naderi, der in den Achtzigern nach New York gegangen ist und nun in Nevada „Vegas: Based on a True Story“ gedreht hat, der seiner Erfahrung zum Trotz aussieht wie der Film eines Anfängers. Ein Paar erfährt, dass im Garten ihres kleinen Grundstücks im Ödland außerhalb von Las Vegas die Beute eines legendären Raubes vergraben liegen könnte. Mann und Sohn wollen am liebsten gleich den umhegten Garten umgraben, aber die restriktive Mutter sträubt sich dagegen. Die Zwistigkeiten ziehen sich dahin, im Fernseher dudeln Glücksverheißungen, und am Horizont leuchten die Casinos.

          Kein Fleisch

          Land und Familie, Glück und Geld, alles wird hier auf kleinstem Raum verhandelt, ein Siedler-Western in den Grenzen eines Gartenzauns. Aber was theoretisch irgendwie interessant klingt, wird durch die demonstrative Art der Inszenierung zum Schmierentheater. Die Schauspieler sagen Sätze auf und bleiben als Figuren blass, weil sie außer einer Vergangenheit als zwanghafte Spieler keinerlei Fleisch zu haben scheinen und so bleich wirken wie die Bilder der Digitalkamera. Am Ende ist der Garten eine Baugrube, die Wohnung eine Müllhalde, der Mann verrückt und die Mutter verschwunden - und der halbwüchsige Sohn pflanzt in die Wüstenei einen Blumentopf der Hoffnung.

          Ähnlich pseudotiefsinnig kam der türkische Film „Süt“ (Milch) von Semih Kaplanoglu daher. Ein junger Mann, der Ambitionen als Dichter hat, lebt mit seiner Mutter auf dem Land, wo sie sich mit Milchwirtschaft ihren Unterhalt verdienen. Die Einstellungen sind lang, schön anzusehen, aber selten geeignet, einen erzählerischen Fluss aufrechtzuerhalten. Natürlich sind die Lücken im Ablauf Konzept, nur sind sie nicht dazu geeignet, die Geschichte anzureichern, sondern drängen sie ins Ungefähre. Alle Begegnungen bleiben ungelenkt oder verlaufen im Sande, so dass man irgendwann den Eindruck hat, dass der Film so gern das Schweigen in Szene setzt, weil er nichts zu sagen hat, was über die schlichtesten Gegensätze von Aberglaube und Moderne, Tradition und Emanzipation hinausgeht.

          Warum man ins Kino geht

          Und während der Wettbewerb auf der Stelle tritt, geht man dann eben doch in eine Dokumentation von Carlo di Carlo, die „Antonioni su Antonioni“ heißt und keinen anderen Ehrgeiz hat, als die letzten Auftritte des Meisters in irgendwelchen italienischen Fernsehsendungen der frühen achtziger Jahre zu dokumentieren, aus jener Zeit also, ehe ihn ein Schlaganfall seiner Sprache beraubte. Allein diesem Mann zuzusehen und zuzuhören entschädigte für die ganze Langeweile des Wettbewerbs. Noch nicht einmal, weil er ein besonders guter Redner oder Erzähler gewesen wäre, sondern weil man das in dem Bewusstsein sah, dass seine Filme eben immer so viel mehr waren, als sich in Worte fassen lässt, und weil sein aristokratisches und ganz und gar uneitles Auftreten jeder Anbiederung von Seiten der Interviewer widerstand.

          Und am Ende, als alles wieder und wieder gesagt war, kam noch mal der Ausschnitt von der Verleihung des Ehrenoscars. Jack Nicholson präsentierte ihn, Antonionis Frau Enrica akzeptierte ihn, und ihr sprachloser Mann, dem die Tränen übers Gesicht liefen, sprach sein letztes öffentliches Wort, während ihm ganz Hollywood applaudierte: „Grazie.“ Und plötzlich wusste man auf diesem Festival wieder, warum man ins Kino geht.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.