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„Dune“ beim Filmfestival Venedig : Moralische Stürme, unverwüstliche Künste

Ökologische Aufklärung in erdfernen Welten: Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson in „Dune“ Bild: Chia Bella James/Warner Bros. Entertainment / AP

Das Filmfestival von Venedig hat seinen ersten Höhepunkt: Denis Villeneuves liebevolle Verfilmung von Frank Herberts Science-fiction-Klassiker „Dune“. Sogar ihre einzige Schwäche teilt der Film mit seiner Vorlage.

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          Das Filmfest von Venedig handelt auch dieses Jahr vom sturen Überleben der Idee, dass Filme in große Säle gehören. Die größte Produktion, die man hier diesmal vorführt, außer Konkurrenz, hat ebenfalls ei­ne zählebige Vorstellung zum Gegenstand: dass selbst lebensverneinendes Terrain sich mit Mut, Liebe und Kunst zum Blühen verführen lässt. „Dune“ von Denis Villeneuve basiert auf dem gleichnamigen Roman von Frank Herbert aus dem Jahr 1965, der auch zahlreichen Nachschriften sowohl von Herberts eigener Hand wie von anderen Leuten zugrunde liegt. Es gibt Rockmusik darüber, Comics, Fernsehserien, Spiele und einen Kinofilm von David Lynch aus dem Jahr 1984. In alledem geht es um die Wüstenwelt Arrakis, auf der „Spice“ abgebaut wird, ein Gewürz mit psychotropen Eigenschaften, das menschliche Raumfahrt ermöglicht. Computer gibt es nicht, ein Dschihad hat sie ausgelöscht. Politisch herrscht ein Feudalabsolutismus, dessen Zentralmacht große Adelshäuser gegeneinander ausspielt, vor allem die Familien Atreides („Loyalität ist Liebe“) und Harkonnen (lauter Ungeheuer).

          Liebesgedicht an einen Planeten

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Imperator entzieht dem Haus Harkonnen das Lehen Arrakis und übergibt es dem Haus Atreides; so beginnt die Handlung – eine Falle, die Atreides sollen wirtschaftlich scheitern, damit der Herrscher sie sich vom Hals schaffen kann. Der Konflikt setzt „die Hitze und die Kälte ungezählter Wahrscheinlichkeiten“ (Herbert) frei und beflügelte Lynch vor fast vierzig Jahren dazu, die barocke Seltsamkeit des Romankonstrukts seinem verschrobenen Genie gemäß ins Bild zu setzen. Villeneuve macht etwas anderes damit: Sein Film ist ein feierliches und stürmisches Liebesgedicht an Arrakis – an den silbernen Himmel, die goldenen Wüste, die leuchtenden Felsen, die Herbert sich ausgedacht hat.

          Diese Schönheiten sind die Erscheinungsebene, aber darunter liegt, wie im Buch, etwas, das man im Kassenkino und im Bestsellerbuchhandel eigentlich nicht vermutet: ökologische Moral. Bei Herbert ist sie deutlich ausgeschrieben: „Die höchste Funktion der Ökologie besteht darin, die Folgen unseres Handelns zu begreifen.“ Für die Unbedingtheit dieser Lehre steht auf Arrakis die alle Menschen zur Rechenschaft ziehende Macht der Spezies Sandwurm („Shai-Hulud“). Das ist ein bis zu fünfhundert Meter langes Monster, das die freien Stämme der Wüste, die Fremen, als Quasigottheit verehren, nicht nur als ökologisches, sondern auch antiimperialistisches Sinnbild: „Das historische System gegenseitiger Ausbeutung und Erpressung findet hier auf Arrakis sein Ende. Man kann nicht ewig das stehlen, was man braucht, ohne an die zu denken, die nach einem kommen.“

          Der thematischen Schwere dieses Themas gehorsam, baut Villeneuve seinen Film aus Bildergebirgen, Hans-Zimmer-Getöse, gewaltigen Fabrikraupen, prächtigen Or­nithoptern, flatternder Flucht, funkensprühenden Zweikämpfen, uralten Prophezei­ungen und Trugspiegelungen. Das Schauspielensemble hätte freilich auch bei deutlich knausrigerem Budget hingereicht, al­len Ansprüchen gerecht zu werden. Timo­thée Chalamet spielt den jungen Paul Atreides, der sein Los als „Krieger, Mystiker, Menschenfresser, Heiliger“ widerwillig erkennen muss, so konzentriert, dass man ihm Taten wie Zögern in jeder Szene abnimmt. Rebecca Ferguson verleiht seiner Mutter Lady Jessica atemberaubend gläserne Härte. Oscar Isaac ist als Herzog Leto reif fürs Shakespeare-Königsdrama. Die un­vergleichliche Zendaya als Chani, die von Beginn des Films an leise, klar und be­stimmt für die Unterdrückten spricht, schwebt durchs Geschehen wie ein Freiheitslied. Stellan Skarsgård schließlich spen­diert seinem Regisseur den schleimigsten, durchtriebensten und schauerlichsten Madensack namens Baron Vladimir Harkonnen, den die Kamera gerade noch ertragen kann, ohne zu kotzen.

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