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Filmfestspiele : Laut, bunt, teuer

  • -Aktualisiert am

Penelope Cruz, zu sehen in „Chromophobia” Bild: dpa/dpaweb

Die Filmfestspiele von Cannes sind längst ein Zirkus von galaktischen Dimensionen. Zwischen den Bilder-Aquarien rund um Strand und Jachthafen vergißt man fast, daß Cannes ein Haifischbecken ist.

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          Der reglose Mann mit Anzug und Zylinder, der mit geschlossenen Augen vor einer Filmkamera aus Pappe auf der Meerespromenade von Cannes steht, ist nicht „grau wie ein Markstein namenloser Reiche“, wie es der Dichter will, aber er könnte dennoch gut das Wahrzeichen dieses Festivals sein.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn er ist ganz mit Gold überzogen, eine lebendige Statue, ein mit Farbe bestäubter Kinodarsteller, der mit seiner stoischen Stummheit Geld verdienen will wie fast alle hier. Die Produzenten, die Verleiher, die Regisseure, die Stars - sie kommen jedes Jahr nach Cannes, um ihren Marktwert taxieren zu lassen oder ihren Marktanteil zu erhöhen, um Filme zu kaufen und zu verkaufen; und weil die Ware Kino kein Produkt wie jedes andere ist, gleicht auch ihr größter Messeplatz keinem anderen, sondern eher einem Zirkus von galaktischen Dimensionen.

          Gewaltszenen und Pessimismus

          So richtig galaktisch wird es hier erst am Pfingstmontag zugehen, wenn George Lucas nach Cannes kommt, um die sechste und angeblich letzte Folge seiner „Star Wars“-Saga im Wettbewerb zu präsentieren, außer Konkurrenz natürlich, wie es sich für einen Zweihundert-Millionen-Dollar-Film gehört. Die Kritiker der Festivalzeitschriften „Screen“ und „Variety“ haben „Die Rache der Sith“ bereits gesichtet und verkünden froh, der Film werde durch seine Gewaltszenen und seinen Pessimismus vor allem die europäischen Zuschauer wieder mit der Serie versöhnen. Von Hollywood aus gesehen, ist Europa das Reich des starken Tobaks, und wer in den letzten Jahren die Wettbewerbsauswahl von Cannes gesehen hat, muß diesem Vorurteil eine gewisse Plausibilität zubilligen.

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          Filmfestspiele : Laut, bunt, teuer

          In diesem Jahr allerdings dürfte es, wenn dem Festivalkatalog zu trauen ist, eher gesittet zugehen auf den Leinwänden von Cannes. Der einzige explizit auf Brutalität setzende Wettbewerbsbeitrag, Robert Rodriguez' „Sin City“, kommt aus Amerika, während die großen Namen, die Kinoautoren, deren Filme wie stets das Rückgrat der Auswahl bilden, sich jenen Themen widmen, die von jeher ihre Stärke waren.

          Menschen im Ausnahmezustand

          Wim Wenders („Don't Come Knocking“) und Jim Jarmusch („Broken Flowers“) erzählen von Vätern und Söhnen und wiedergefundenen Lieben, David Cronenberg („A History of Violence“) und Michael Haneke („Cache“) von Menschen im Ausnahmezustand, die Dardenne-Brüder („L'enfant“) und Lars von Trier („Manderlay“) von der Macht des Sozialen und der Taiwanese Hou Hsiao-Hsien („Three Times“) von der Liebe über die Zeiten hinweg.

          Fast jeder dieser Regisseure hat schon einmal eine Goldene Palme in Cannes gewonnen, die übrigen mindestens einen Regiepreis, und wie jedes Jahr erhöhen sie durch ihre Teilnahme mit der Attraktivität des Festivals zugleich ihre eigene. Die internationalen Einkäufer von Lars von Triers „Manderlay“ jedenfalls mußten sich vertraglich verpflichten, noch einmal ein Viertel auf den Kaufpreis draufzulegen, falls der Film hier den Hauptpreis gewinnt. In Cannes geht es, wenn es um Kunst geht, niemals nur um Kunst.

          Bunt und teuer

          Das konnte man in den vergangenen Jahren auch an den Eröffnungsfilmen sehen, die fast immer laut, bunt, teuer, kostümträchtig und aus Frankreich waren. In diesem Sinn bildet Dominik Molls „Lemming“, der in diesem Jahr den Anfang macht, eine halbe Ausnahme. Molls Film knüpft an die stärkste Traditionslinie des französischen Kinos an: den Krimi, der zugleich ein Liebesfilm ist. In „Lemming“ gibt es Einstellungen von Straßen und Häusern in der Vorstadt, die an Francois Truffauts letzten Film „Auf Liebe und Tod“ erinnern, und in Laurent Lucas, der bei Moll die Hauptrolle spielt, kann man, wenn man will, das Vorbild Jean-Louis Trintignants erkennen. Nur von der Leichtigkeit, mit der Truffaut erzählen konnte, hat „Lemming“ nichts.

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