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Filmfestspiele in Venedig : Erschöpfte Spione im Sturm

Wer ist der Maulwurf, dem Gary Oldman in Tomas Alfredsons „Tinker Tailor Soldier Spy” auf der Spur ist? Bild: Kinowelt Gmbh

Noch ein Höhepunkt beim Filmfestival in Venedig: Tomas Alfredson erfüllt mit „Tinker Tailor Soldier Spy“ alle Erwartungen, die „So finster die Nacht“ gesät hatte. Todd Solondzs neuer Film enttäuscht dagegen.

          Am Sonntagnachmittag schien sich die stehende Hitze plötzlich dafür zu schämen, dass sie seit Dienstag versucht hatte, das Filmfest in seinem eigenen Glamour zu braten. Jetzt wich sie trächtigen Aquarellwolken, die sich sogar zu Regen herabließen. Nachts blitzte und donnerte es; Winde rauschten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Wetterschauspiel war der Naturtrailer für einen vorzüglichen Film über den Kalten Krieg, der am nächsten Morgen gezeigt wurde. Tomas Alfredsons Wettbewerbsbeitrag „Tinker Tailor Soldier Spy“ interpretiert zwei Stunden lang - es hätten, bei dieser Gediegenheit, gern auch vier sein können - einen Roman über den Systemkonflikt zwischen Ost und West, in dem das Ringen um Wahrheit die fugenlos konstruierte Thrillerhandlung wie ein dressiertes Hündchen neben sich herlaufen lässt. Der schwedische Regisseur hat verstanden, worum es John Le Carré 1974 ging: die Unmöglichkeit, Unschuldsverluste wettzumachen, privat wie politisch. Das Buch filmt Alfredson deshalb nicht naiv ab, sondern beschwört ein Weltpanorama, das Le Carrés glänzender Prosa intellektuell wie emotional allseitig ebenbürtig ist.

          Ein Maulwurf im britischen Auslandsgeheimdienst

          Wie gut ist dieser Regisseur? 2010 hat Hollywood ein Remake seines ebenso kühlen wie schwelgerisch schönen Schauermärchens „Låt den rätte komma in“ von 2008 riskiert, einen vergleichsweise lauen Abklatsch des betörenden Originals; dennoch fand immerhin Stephen King, er habe selten einen so guten amerikanischen Horrorfilm gesehen wie diesen nachgemachten schwedischen. Das stimmt womöglich - denn so gut ist Tomas Alfredson: Selbst wer ihn zittrig imitiert, sieht dabei fabelhaft aus.

          „Tinker Tailor Soldier Spy“ nimmt sich des Schicksals eines pensionierten Spions namens George Smiley an, dessen Ehe verbrannt ist, weshalb er in ihrer Asche stochert, bis ihn die Pflicht zurück ins Agentenleben ruft. Ihn spielt bei Alfredson Gary Oldman; fürs Fernsehen hat die Rolle vor dreißig Jahren Alec Guinness verkörpert. Die Mischung aus Erschöpfung und Weisheit, die jener damals seinem Smiley spendiert hat, ersetzt Oldman durch die nuancierte Identifikation mit einer Figur, die zu klug und zu routiniert ist, an Illusionen festzuhalten, aber auch zu vereinsamt, um ohne sie leben zu können. „Man wollte meinen, ein Hauch mochte ihn umblasen, aber wenn der Sturm vorbei war, stand er als Einziger fest“, sagt der Schriftsteller über seinen Helden, und Oldmans Mimik kommentiert: Es wäre nett, wenn mir der Sturm wenigstens nicht mitten ins Gesicht bliese, aber gewohnt bin ich's ja. Der Sturm fängt an als nagender Verdacht: Im Herzen des britischen Auslandsgeheimdienstes soll ein Maulwurf der Sowjetunion sitzen. Smiley muss herausfinden, ob das stimmt, und wenn ja, welcher seiner alten Gefährten der Verbrecher ist. Er will es nicht, aber kein anderer kann's.

          Pizzicato gespieltes Pathos

          Wir wohnen also einer Abwägung zwischen den Werten Kompetenz und Loyalität bei. Alfredsons Kunst ist dafür die ideale Waage. Denn er sieht klarer als die meisten seines Fachs, dass die Effektordnungen des Kinos, von der Handkamera bis zum Computer-Gimmick, von historischen Kostümen und Popsongs bis zu Postproduktionsfeinheiten, sich als Erlebnismaschinen nur bewähren können, wenn sie Platzhalter für erzählte Affektordnungen sind, die zwar mehr spüren lassen, als man sieht, diesen Mehrwert aber stets im Sichtbaren verankern. Schon Alfredsons erstaunlicher Horrorfilm ging daher weder dem Purismus kunstfilmtrunkener Trickverächter noch der falschen Opulenz billiger Schocklärmer auf den Leim. Was „Spannung“ im Kino sein sollte - nämlich nicht, wie Blockbusterjunkies glauben, platte Paranoia und pressierliche Hektik, sondern gerafftes, punktiertes, pizzicato gespieltes Pathos -, lässt sich an diesem Film studieren wie sonst nur an den wertvollsten Thrillern der Zeit, in der er spielt.

          Damit soll nicht gesagt sein, das meisterliche Ausschöpfen von Genregesetzen sei alles, was Filmschaffende sich vornehmen und leisten können. Todd Solondz zum Beispiel interessiert das überhaupt nicht; seine Aufmerksamkeit gilt dem Paradoxen - er will deprimierenden Jux oder erschütternde Banalität, wie man von einem irren Bäcker sagen könnte: Der macht Croissants aus blutigen Glasscherben. Manchmal klappt das fast (“Storytelling“). Bei „Dark Horse“, mit dem er sich in Venedig um einen Preis bewirbt, geht es gründlich schief. Das Bunte ist fade, das Verzweifelte kokett, die Figuren sind egal, unterm Strich bleibt ein Nichts von These: Menschen sind Nieten. Dass das überhaupt nicht stimmt, zeigt die Regisseurin Ann Hui aus Hong Kong mit ihrem Wettbewerbsfilm „Tao Jie. A Simple Life“. Die greise Ah Tao (Deanie Yip) hat sechzig Jahre lang vier Generationen derselben Familie als Haushälterin gedient wie George Smiley dem Vereinigten Königreich. Der Film zeigt ihre letzten Lebenstage, in denen sie das, was sie mit Loyalität und Fleiß gesät hat, tatsächlich ernten darf.

          Der Sturm ist vorbei, die Leinwand zittert nach. Sie ist glücklich.

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