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Filmfestspiele in Venedig : Der Sexus, als Höllenmaschine betrachtet

  • -Aktualisiert am

Szene mit Keira Knightly als Sabina Spielrein und Michael Fassbender als Carl Gustav Jung in „Eine dunkle Begierde“ aus dem Jahr 2011. Bild: La Biennale di Venezia

Ein Freudscher Verfilmer: Der Schauspieler Michael Fassbender leidet in Venedig nicht nur mit Keira Knightley, sondern auch in Steve McQueens Wettbewerbsbeitrag „Shame“ an seiner Sexualität.

          Kommt ein Drehbuch zum Arzt: „Herr Doktor, mir träumte von Gammlern, die malen und weinen, während ihre Frauen grundlos schreien oder schlafwandelnd Kopfkissen an sich pressen. Die Musik dazu schien von John Cale zu sein.“ Der Arzt hilft: „Das war kein Traum, sondern der Film 'Un été brûlant', mit dem Philippe Garrel derzeit im Wettbewerb von Venedig steht. Monica Belucci tritt darin glaubwürdig als miese Schauspielerin auf und erleidet eine der verklemmtesten Nacktszenen der jüngeren Filmgeschichte. Wenn Ihnen das die Nacht vergällt, schauen Sie lieber der mit echter Aura beschenkten griechischen Aktrice Aggeliki Papoulia zu, wie sie im selben Wettbewerb den Film 'Alpis' von Yorgos Lanthimos dominiert. Es geht um eine Gruppe, die sich 'die Alpen' nennt, weil ihr Projekt der Gipfel ist: Man bietet Menschen, denen Liebste gestorben sind, an, jene in einer Art Rollenspiel zu ersetzen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der raffinierte Film ist vom ersten Augenblick, da die Kamera in einer babyblauen Turnhalle ihre Mitte sucht, findet und wieder preisgibt, mit souveräner Zurückhaltung inszeniert. Die von Papoulia gespielte Krankenschwester, deren Konflikt mit dem von Aris Servetalis dargestellten mephistophelischen Gruppenchef in einem kurzen, harten Gewaltexzess explodiert, werden Sie so schnell nicht vergessen.

          Sollten Ihnen schwarze Komödien zu düster sein, dann sehen Sie sich, wenn Sie eh dabei sind, venezianische Wettbewerbsfilme abzuarbeiten, die nostalgische Teheran-Kammersinfonie 'Poulet aux Prunes' von Vincent Paronnaud und Marjane Satrapi nach dem gleichnamigen Comicalbum der Letzteren an, wo Kinder Opium verlangen. Das hübsche Filmbonbon lässt sich als cartoonhafte Bildungsreise durch die Landschaften des Herzens erleben, wie als ergänzende Humanitätsübung dazu ein weiterer Film im Preisrennen, Emanuele Crialeses politisch mutiges, visuell braves Mittelmeerflüchtlingsdrama 'Terraferma'.“

          Ausnahmsweise allein im Bett: Michael Fassbender in Steve McQueens Wettbewerbsbeitrag „Shame”

          Sigmund Freud hätte dem Arzt nicht widersprochen – und wäre gewiss davon geschmeichelt, dass er selbst in David Cronenbergs „A Dangerous Method“ (ebenfalls im Wettbewerb) vom integren Virilitätssymbol Viggo Mortensen gespielt wird. Die historisch verbürgte Affäre des Freudianismus-Apostaten Carl Gustav Jung, gespielt von Michael Fassbender, mit seiner Patientin Sabina Spielrein, verkörpert von Keira Knightley, legt Cronenberg als Höllenmaschine aus den Bauteilen Rationalismus, Schamanismus und Orgasmus an. Mit Filmen wie „Shivers“ oder „Crash“ hat dieser Regisseur bislang einen Erzählstil entworfen, der Freuds Lehren eigentlich zuwiderläuft: Das Menschenfleisch der Zivilisation hat bei ihm eher Anschlüsse und Kontaktflächen als ein Innenleben, ist eher ein über Arbeit (auch am Sex) kalibriertes Symptombündel als Gefäß ärztlicher Gnade. Den Unterschied zwischen dieser Perspektive und der Freudschen thematisiert „A Dangerous Method“ taktvoll – rasche Kreuzschnittszenen wechseln mit statischen Sequenzen, in denen Lust und Trauer zeitvergessen atmen.

          Stilsichere Exkursion in die nackte Verzweiflung

          Viggo Mortensen spielt den Freud als alternden Mann mit müdem Lidschlag, der Würde und sachte Ironie ausstrahlt. Michael Fassbender verkörpert als Widerpart dazu einen Jung, den man als Wissenschaftler und Heiler fragwürdig finden muss und doch als Person genug bemitleiden kann, um seinem Weg ins Verkehrte neugierig zu folgen. Keira Knightley endlich scheint als Sabina Spielrein, wenn sie eingangs das Kinn bis zur Maulsperre vorschiebt, auf die nicht existierende Schauspielauszeichnung „Beste motorische Störung“ zu spekulieren, beruhigt sich aber bald, lässt ihren russischen Akzent seine Wirkung tun und mausert sich danach, noch vor Vincent Cassels Nebenrollen-Priapus, zur liebenswertesten Gestalt des Films. Zwar war das alles bestimmt nicht so wie hier gezeigt. Patientin küsst Doktor um 1910 öffentlich auf Parkbank: Der Planet wäre geborsten. Aber wenn man eine sehr riskante Idee – „lasst uns einen Psycho-Film drehen, in dem Keira Knightley verhauen wird“ – so solide umsetzt wie Cronenberg, darf man sich einiges darauf einbilden.

          Sein Doktor Jung, Fassbender, muss auch in Steve McQueens Wettbewerbsbeitrag „Shame“ am Sexus leiden. Bei ihrer letzten gemeinsamen Arbeit („Hunger“) ließ der von der Bildenden Kunst her ins Spielfilmfach vorgedrungene Regisseur Fassbender verhungern, während Andrea Arnold ihn in „Fish Tank“ zwang, auf Minderjährigen herumzuklettern. Irgendetwas scheint der Arme an sich zu haben, das den Regiesadismus kitzelt.

          „Shame“ ist eine stilsichere Exkursion in die nackte Verzweiflung. Formkühnheiten wie die sehr lange Gesprächsszene in „Hunger“ hat McQueen sich diesmal versagt; sein Vertrauen zu Fassbenders Sportler-Ethos jedoch ist erneut gerechtfertigt – es tut weh, dabei zuzusehen, wie jener sein Leben kaputtvögelt. Schmerz aus Genuss, Zersplitterungsbehagen. Freud würde raten: Nehmen Sie zwei Aspirin sowie etwas Abstand von sich selbst, dann wird’s schon wieder.

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