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Cannes-Eröffnung : Mut ist Grazie unter Druck

Wenn sich jetzt die anderen alle in leicht elliptischen Kreisbahnen um Fürstin Grace (Nicole Kidman) zu drehen anfingen, wäre Kepler wieder mal voll bestätigt. Bild: dpa

Glanz, Tanz, leichte Penetranz: Zur Eröffnung des Filmfestivals in Cannes feiert die Filmwelt sich in Olivier Dahans Kostümdrama „Grace“ mit Nicole Kidman als Fürstin von Monaco selbst.

          4 Min.

          Von heute an werden wir in Cannes auf andere Frauen schauen als auf Nicole Kidman. Aber gestern, am Eröffnungsabend, gehörte ihr als Titelheldin des Eröffnungsfilms noch einmal alle Aufmerksamkeit. Schon im vergangenen Jahr war sie einfach überall gewesen. Die Hälfte der Zeit auf den Treppen, die zum Palast hinaufführen, und die sie als Mitglied der internationalen Jury mindestens einmal täglich nach oben schritt. Aber auch in den Zeitungen, auf Paparazzi-Fotos, Fernsehmonitoren und so weiter. Sie trat immer in großer Garderobe auf. Wahrscheinlich hat ihr jemand die Roben aufs Zimmer liefern lassen, aus Paris vermutlich. Jedenfalls machte sie Eindruck. Statuarisch aufrecht, alle überragend, mit unbewegter Miene, sah sie aus wie eine Königin. Mindestens wie eine Fürstin.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als Fürstin kam sie dann in diesem Jahr. Als Gracia, Fürstin von Monaco, früher auch bekannt als Grace Kelly, Hollywoodstar. Das letzte Jahr, die vielen Bilder, Auftritte, huldvollen Verneigungen – sie waren nur der Prolog zu einem Film! Ein prolongierter Reality-Trailer sozusagen.

          Staatsentscheidungen neben spielenden Kindern

          Jetzt wurde es ernst. „Grace“ heißt der Film, und er hat schon eine Menge Wirbel verursacht, obwohl er auf Uneingeweihte einen ganz harmlosen Eindruck macht. Das Fürstenhaus Monaco hat sich beschwert, der Film ehre das Andenken der beliebten Amerikanerin und Landesmutter nicht, weshalb aus dem Palast, dem Fürstenpalast in diesem Fall, niemand zur Premiere nach Cannes aufbrechen werde. Harvey Weinstein, der den Film für den amerikanischen Markt im Verleihprogramm hat und ihn bereits im letzten Jahr dort in die Kinos bringen wollte, soll mit der Schnittfassung nicht zufrieden sein: niemand interessiere sich in den Vereinigten Staaten für den vor allem steuerpolitischen Zwist zwischen einem Zwergstaat und Frankreich Anfang der sechziger Jahre – und man muss sagen, wo er recht hat, hat er recht. Was ja nicht heißt, man dürfe von diesen historischen Konflikten nicht trotzdem erzählen, und sei es in nostalgischem Kontext, nämlich dem von Grace Kelly.

          Und das tut der Regisseur Olivier Dahan in „Grace“ ausführlich. Ganz unvorstellbar, was für ein Film übrig bliebe, gäbe er dem Drängen Weinsteins nach Schnitten nach. Denn die Szenen, in den in verrauchten Palastzimmern von Männern auf unterschiedlichen Hierarchiestufen darüber debattiert wird, ob de Gaulle tatsächlich in diesem winzigen Land einmarschieren und möglicherweise gar Bomben auf es regnen lassen würde, wenn es nicht seine Steuergesetze ändere, die bis heute den Reichen dieser Welt ein unbelastetes Leben ermöglichen – sie gehören zu den besten des Films. Wir sehen eine Regierung bei der Arbeit, die im Nachbarraum des Kinderzimmers sozusagen tagt, jedenfalls turnen manchmal die Kinder von Fürst Rainier III. (Tim Roth) und Gracia herein, und halb erwartet man, die Köchin riefe gleich zum Mittagessen.

          Idealer Eröffnungsfilm, aber nicht viel mehr

          Ansonsten fiel der Film von Olivier Dahan leider hinter dem großen Tamtam zurück. Obwohl Nicole Kidman ihre Sache gut macht, Ähnlichkeit mit der verstorbenen Fürstin eingeschlossen. Alfred Hitchcock, der sie ein letztes Mal zu einer Rolle überreden möchte und deshalb im Fürstenpalast vorbeischaut, wirkt da schon eher verkleidet (Roger Ashton-Griffiths) mit seinem ausgestopften Bauch. Sichtbar wird aber in diesen Szenen, die aus dem alten Leben der Fürstin in ihr neues hineinragen, die Absurdität seines Vorhabens: Grace Kelly wäre als „Marnie“ sicher überzeugend gewesen (wenn auch nicht so überzeugend wie Tippi Hedren). Aber Gracia, die Fürstin, konnte nicht zurück in ihre alte Haut. Der Film macht dann aber nicht länger halt an der Frage, wie sehr diese schöne kühle Frau tatsächlich „Künstlerin“ war, woran Hitchcock, der alte Fuchs, sie erinnert, weil er sie noch einmal locken will, obwohl er doch von keiner seiner Darstellerinnen jemals sonst als „Künstlerin“ gesprochen hat. War sie eine? Fehlte ihr die Arbeit? Oder Hollywood? Die Kollegen? Aus „Grace“ erfahren wir darüber kaum etwas.

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