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Filmfestspiele Cannes : Wajda und Wenders zum Europa-Kinotag in Cannes

  • Aktualisiert am

Unmittelbar nach der Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes am 14. Mai abends begeht das Festival einen "Tag des europäischen Kinos", bei dem sich viel Regieprominenz versammelt. Zwei der Statements bedeutender europäischer Regisseure sind im folgenden zu lesen.

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          Am 15. Mai wird beim 56. Internationalen Filmfestival von Cannes der "Tag des europäischen Kinos" begangen. Kulturminister aus zwölf Ländern des neuen wie des alten Europa, darunter auch die deutsche Staatsministerin Dr. Christina Weiss, versammeln sich mit Filmemachern wie Wolfgang Becker, Patrice Chereau, Jan Sverak und Wim Wenders um einen sogenannten runden Tisch. Viviane Reding, als Mitglied der EU-Kommission zuständig für kulturelle und audiovisuelle Angelegenheiten, wird präsidieren. Das Thema der Runde sind die Konsequenzen der kommenden EU-Erweiterung für die Filmpolitik der europäischen Gemeinschaft. Über "Neue Felder für das europäische Kino" möchte man dabei reden, und wenn die Fragen auch alle nicht so neu sind, wie der Titel suggeriert, so wird man doch mit den alten Problemen genug zu tun haben. Wir drucken hier in Auszügen die vorbereiteten Statements der Regisseure Wim Wenders und Andrzej Wajda zu diesem "Tag des europäischen Kinos". (F.A.Z.)

          Wim Wenders

          Ein europäischer Rat

          Stellen Sie sich vor, es gäbe in Europa - nach dem Vorbild des Rats der Minister für Kultur - auch einen Europäischen Künstlerrat, der gleichberechtigt mit dem politischen Gremium über die kulturellen Geschicke in Europa bestimmen dürfte (müßte, könnte, sollte ...).

          Angenommen, beide Gremien würden parallel tagen, und dies wäre nun die erste Sitzung des erweiterten Europa. In dem einen Saal säßen die 15 kulturpolitischen Vertreter aus den 15 Ländern des "alten Europa", in dem anderen säßen 15 Künstler aus den "alten" europäischen Ländern. In beiden Sälen würden zeitgleich die Türen aufgehen und eintreten würden, einer nach dem anderen, die Abgesandten der 10 Länder des "neuen Europa". Wo wäre dann der Unterschied?

          Selbstverständlich maße ich mir nicht an, zu beschreiben, wie es im Saal der Kultusminister zuginge, schließlich war ich bei einer solchen Veranstaltung nie dabei. Aber ich glaube zu wissen, wie die Stimmung im Saal der Künstler wäre, denn solche Treffen habe ich eine ganze Reihe mitgemacht.

          "Ahhh!" würden die Filmemacher des "alten Europa" im Künstlerrat raunen, wenn die Tür aufginge und ein älterer Herr mit weisem und freundlichem Lächeln hereinkäme, "die Polen haben Andrzej Wajda entsandt!" Und sie würden sich alle erheben und sich applaudierend vor ihm verneigen, während an der Tür respektvoll ein anderer Herr warten würde, bis der Applaus verebbt wäre. "Szabo, Istvan aus Budapest", würde er sich leise vorstellen, aber schon würden sich ihm alle Hände zur Begrüßung entgegenstrecken und er müßte in der Runde herumgehen, um einem jedem die Hand zu schütteln. Er wäre ja ohnehin im Kreise alter Freunde.

          Nach ihm käme eine ganz junge Frau herein, sagen wir: eine Schriftstellerin aus einem der baltischen Länder. Und obwohl kaum einer der Anwesenden sie je zuvor gesehen, noch ihren Namen gehört hätte, würde sie mit demselben Applaus und derselben Achtung begrüßt, mit derselben Wärme umarmt und mit genauso viel neugierigen Fragen überhäuft wie ihre berühmten Kollegen. Und so ginge es mit jedem weiter, der den Saal beträte.

          Oh nein, das ist keine Fiktion, die ich hier beschreibe, das wäre wirklich so. Ich hab's oft genug gesehen.

          Warum ich das erzähle, statt die Bedeutung der europäischen Kulturgeschichte hervorzuheben, die kulturelle Vielfalt zu verteidigen oder vor den Gefahren der Globalisierung zu warnen? Weil es all diese Appelle nicht braucht, solange wir den Respekt voreinander bewahren, unsere Leistungen achten und schätzen und neugierig aufeinander sind, in dieser einzigartigen Nachbarschaft unseres Heimatkontinents Europa.

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