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Filmfestspiele Cannes : Alles ist Behauptung und Idee: Lars von Triers „Dogville“

Der Regisseur und sein Star: Lars von Trier und Nicole Kidman Bild: AP

„Dogville“ ist eine Provokation: eine amerikanische Allegorie, deren Regisseur nie in Amerika war; ein Theaterfilm mit minimalem Dekor; ein Starfilm ganz ohne Star-Einstellung. Trotzdem kann sich das Festival für Lars von Triers Arbeit begeistern.

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          Nicole Kidman wirkte verspannt, als sie die rote Treppe zum Festivalpalast hinaufstieg, um an der Galavorführung von Lars von Triers Film "Dogville" teilzunehmen. Drei Stunden später, als das Publikum im Grand Auditorium Lumiere den Film und ihren Auftritt darin als Hauptdarstellerin mit stehenden Ovationen feierte, wirkte sie nicht etwa erleichtert, sondern eher noch verspannter. Sie sah aus wie jemand, dem gerade ein Fauxpas unterlaufen ist und der dafür unverdienterweise noch gelobt wird. Der Fauxpas, das war der Film.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          "Dogville" ist alles das, was das Publikum und die Kinoleute in Nicole Kidmans Wahlheimat Hollywood hassen werden: eine amerikanische Allegorie, gedreht von einem Regisseur, der noch niemals in Amerika war (und darauf sogar stolz ist); ein Theaterfilm mit minimalen Dekor und langen, tiefsinnigen Dialogen, aufgenommen in einer einzigen Kulisse; und ein Starfilm, der keine einzige Star-Einstellung hat, kein ruhiges Tableau, keine malerische Großaufnahme, obwohl von Trier neben Miss Kidman Schauspieler wie Lauren Bacall, Ben Gazzara, James Caan, Chloe Sevigny, Stellan Skarsgard und Harriet Anderson aufgeboten hat, um seine Geschiche zu erzählen. Es ist, für amerikanische Augen, der Alptraum eines europäischen Films. Und genau das möchte "Dogville" sein.

          Von Brecht inspiriert

          Schon vor Beginn des Festivals hat der dänische Regisseur den "Cahiers du Cinema" erzählt, woher die Inspiration für "Dogville" stammt: aus dem alten Brecht-Lied von der Seeräuber-Jenny, aus englischen Theateraufzeichnungen der siebziger Jahre ( und aus Trotz. Denn Kritiker aus Amerika hatten vor drei Jahren in Cannes die Darstellung ihres Justizsystems von Triers Film "Dancer in the Dark" bemängelt. Also ist von Trier einfach noch einen Schritt weiter in die eingeschlagene Richtung gegangen. Einen Schritt? Drei Schritte, mindestens.

          Wenn es in "Dogville" hell wird auf der Leinwand, denkt man tatsächlich gleich an Brecht, aber mehr noch an Thornton Wilder. Dessen Kleinstadtwelt aus "Our Little Town" hat von Trier ins Schäbige verschoben: lauter verkrachte Existenzen in einem verkrachten Kaff in den Rocky Mountains. Da ist die pedantische Ladenbesitzerin (Bacall), der blinde Griesgram (Gazzara), der grobe Chuck (Skarsgard) mit seiner verhärmten Frau Vera (Patricia Clarkson) ( und mittendrin Tom Edison (Paul Bettany), der Chronist und Dichter dieses Elends, der nur noch nie eine Zeile zustande gebracht hat. Zu Tom und seinen Nachbarn kommt die Gangsterbraut Grace (Kidman) auf der Flucht vor ihren Häschern. Die Leute von Dogville nehmen sie nach kurzem Zögern freundlich auf, lassen sich von ihr im Haushalt und bei der Gartenarbeit helfen und gewöhnen sich an ihre Gegenwart.

          Furchtbare Rache

          Dann, als ein Sheriff auftaucht und einen Steckbrief mit Grace' Konterfei an der Dorfkirche anschlägt, beginnt sich der Wind zu drehen. Aus der liebevollen Duldung wird Ausbeutung, aus Neckerei Vergewaltigung. Auf dem Tiefpunkt ihres Daseins in Dogville wird Grace an ein eisernes Wagenrad gefesselt, das sie an einer Kette hnter sich herziehen muß. In der Schlußsequenz des Films, die Grace' wahre Identität enthüllt, nimmt sie an ihren Peinigern und deren Familien furchtbare Rache.

          Dieses Schauermärchen, das mit Motiven und Accessoires aus der Zeit der großen amerikanischen Depression spielt, hat von Trier nicht etwa pseudorealistisch in Szene gesetzt. Wie schon in "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark" bricht er auch diesmal den Talmiglanz des Melodrams durch äußerste Stilisierung. "Dogville" ist vollständig in einem Lagerhaus bei Göteborg entstanden, auf einer Bretterbühne, deren Knarren man erst in den letzten Minuten dieses dreistündigen Films wirklich vergißt.

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