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Filmfestival von Locarno : Zwei silberne Leoparden für einen Hamburger Hirsch

In Locarno prämiert: Szene aus „En Garde” von Ayse Polat Bild: Filmfestival Locarno

Bei allem filmpolitischen Patriotismus: Es bleibt doch ein wenig schleierhaft, warum die Jury in Locarno gerade Ayse Polats deutsches Mädchenkammerspiel "En Garde" mit einem Silbernen Leoparden ausgezeichnet hat.

          Mohammed ist Professor für englische Literatur. Das Haus, in dem er mit seiner Familie lebt, liegt im Niemandsland zwischen einem palästinensischen Dorf und einem israelischen Militärstützpunkt. Eines Nachts stehen Soldaten vor der Tür. Das Haus wird besetzt; die Familie, zum Auszug aufgefordert, entschließt sich zu bleiben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Räume werden zwischen den Parteien aufgeteilt: das Erdgeschoß für die Familie, der erste Stock für das Militär. Nur Mohammeds Tochter Mariam ist nicht bereit, sich an das Arrangement zu halten. Sie versteckt sich in einem Schrank und beobachtet die Soldaten, die eine Sprache reden, welche sie nicht versteht. Würde Mariam entdeckt, stünde ihr Leben auf dem Spiel. So verharrt sie minutenlang; und die Kamera, das Auge des Zuschauers, mit ihr.

          Bei allem filmpolitischen Patriotismus schleierhaft

          "Private" heißt dieser Film des Italieners Saverio Costanzo, der von den Schrecken einer kleinen Welt erzählt, in der das Private politisch, das Politische privat geworden ist. Am Samstag abend gewann "Private" den Goldenen Leoparden des 57. Filmfestivals von Locarno - zu Recht. Im diesjährigen Wettbewerb gab es, abgesehen vielleicht von Kenny Glenaans "Yasmin", der den Preis der Ökumenischen Jury bekam, keinen besseren Film.

          "Private", auf engem Raum mit schmalem Budget gedreht, ist ein Erstlingswerk, ein eindrucksvolles Kinodebüt - und bestätigt so die langjährige, zuletzt ein wenig undeutlich gewordene Tradition des Festivals am Lago Maggiore, das sich vor allem für erste und zweite Filme von jungen Regisseuren einsetzt. Auch Ayse Polats "En Garde", der einen Silbernen Leoparden empfing, gehört in diese Kategorie, obwohl es bei allem filmpolitischen Patriotismus doch ein wenig schleierhaft bleibt, warum die Jury gerade das deutsche Mädchenkammerspiel aus der nicht geringen Anzahl interessanter Wettbewerbsbeiträge herausgehoben hat. Der Darstellerpreis für Maria Kwiatkowsky und Pinar Erincin, die Heldinnen von "En Garde", ist dagegen vollauf berechtigt, so wie die Auszeichnung für Mohammed Bakri, der in "Private" die Hauptrolle spielt. Ein weiterer Silberner Leopard für das Flüchtlingsdrama "Dastaneh natamam" ("Story Undone") des Iraners Hassan Yektapanah rundet den offiziellen Preissegen ab.

          Das Jahr der historisch-politischen Tragödien und Allegorien

          Es war das Jahr der historisch-politischen Tragödien und Allegorien, und so paßt es ins Bild, daß Eran Riklis' Film "The Syrian Bride" den Publikumspreis für den besten Beitrag auf der Piazza Grande erhielt. Auch bei Riklis, der in Tel Aviv lebt und arbeitet, ist das Private mit dem Politischen verschränkt, nur daß die zentrale Szene des Films im Freien spielt: Eine Drusin aus einem Dorf im israelisch besetzten Teil der Golanhöhen kommt an die Militärgrenze, um von ihrem syrischen Bräutigam, einem Fernsehstar, den sie nur vom Bildschirm kennt, in Empfang genommen zu werden. Doch der syrische Grenzoffizier weigert sich, den in Israel abgestempelten Paß anzuerkennen; eine UN-Mitarbeiterin, die den Übertritt organisieren soll, gibt entnervt auf; und die Familie der Braut, von inneren Zwisten zerrissen, muß hilflos mit ansehen, wie sich Monas Hochzeit in Luft auflöst. Riklis' Film hat gegenüber dem von Costanzo den Vorteil, daß er den Betrachter nicht lähmt, sondern zur Empathie herausfordert. Und mit Clara Khoury als Mona und Hiam Abbas als Schwester der Braut verfügt er außerdem über zwei Schauspielerinnen, die man gern auf der Leinwand wiedersehen möchte.

          Weder von politischen noch von sonstigen ehrenwerten Absichten bewegt ist dagegen Jun Ichikawas "Tony Takitani". Es ist einfach nur ein guter Film: eine Haruki-Murakami-Adaption, die das Verwehte und Traumwandlerische von Murakamis Prosa so perfekt in Bilder übersetzt, daß man den Autor selbst zu hören glaubt. Tony, der Held der Geschichte, hat eine Frau geheiratet, die nach schönen Kleidern süchtig ist; nach ihrem Unfalltod versucht er, eine Haushälterin zu engagieren, die in die Rolle - und die Mäntel und Röcke - der Verstorbenen schlüpfen soll, aber es mißlingt. Viel mehr passiert nicht in "Tony Takitani", und doch hat man, wie bei Murakami, das Gefühl, in einem Schnappschuß, einer Handvoll Szenen ein ganzes Leben erzählt zu bekommen. In Cannes, Berlin oder Venedig wäre dieser stille Film von anderen, lauteren Filmen übertönt worden. In Locarno, auf dem Festival der Zwischentöne, war er am richtigen Ort.

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