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Filmfestival von Locarno : Silberne Leoparden für zwei deutsche Filme

Wenn es Nacht wird in Locarno Bild: dpa/dpaweb

„Nine Lives“ von Rodrigo Garcia hat den Goldenen Leoparden beim Filmfestival von Locarno erhalten. Jeweils einen Silbernen Leoparden gewannen die deutschen Filme „Fracticide“ von Yilmaz Arslan und „3 Grad kälter“ von Florian Hoffmeister.

          Der Gewinner beim Filmfestival in Locarno heißt "Nine Lives" von Rodrigo Garcia. Dieser Episodenfilm aus den Vereinigten Staaten verlangt vom Zuschauer, sich neunmal hintereinander für zwölf Minuten auf eine neue Figur einzulassen. Alle neun sind Frauen, die an einem Kreuzweg ihres Lebens stehen, vor einer der großen oder auch kleinen Entscheidungen, mit der sie in Zukunft werden leben müssen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In neun Plansequenzen sehen wir: Eine hochschwangere Frau trifft zufällig im Supermarkt ihre alte Liebe, einen Mann, den sie zehn Jahre nicht gesehen und nicht vergessen hat. Eine verheiratete Frau geht mit einem Fremden ins Motel. Eine andere wartet auf ihre Brustkrebsoperation. Ein junges Mädchen, das offenbar sein Leben lang zwischen den Eltern vermittelt hat, steht vor der Entscheidung, in ein weit entferntes College zu gehen. Und so weiter. Obwohl die Figuren teilweise in der Episode einer anderen am Rande auftauchen, hat keine Situation mit der nächsten mehr zu tun, als daß sie zum selben Film gehören.

          Nebenpreise weitflächig gestreut

          Der Juryvorsitzende Vittorio Storaro hatte vor Bekanntgabe der Preisträger das Gefühl zum Entscheidungsträger erklärt, und während viele Berichterstatter von den schnellen Abbrüchen der kleinen Geschichten frustriert waren, zeigte die Jury sich bewegt und vergab ihren Goldenen Leoparden und 90.000 Schweizer Franken an den Regisseur und die Produzentin. Das außerordentliche Ensemble der Schauspielerinnen - Kathy Baker, Amy Brenneman, Elpidia Carrillo, Glenn Close, Lisa Gay Hamilton, Holly Hunter, Sissy Spacek, Amanda Seyfried und Robin Wright Penn -, ohne das ein Film wie dieser überhaupt nicht auszuhalten wäre, erhielt darüber hinaus den Darstellerinnenpreis.

          Es ist eine Entscheidung fast so gut wie jede andere. Kein Film des Wettbewerbs hatte rundherum so großen Eindruck gemacht, daß er als Favorit hätte gelten können. Bei der Vergabe der Nebenpreise hat die Jury dann so weitflächig gestreut, daß sich kaum einer übergangen fühlen konnte - außer drei der besten Filme des Wettbewerbs, nämlich "A Perfect Day" aus dem Libanon, der französische "Rivera" von Anne Villaceque und "Familia" aus Kanada von Louise Archambault. Warum ausgerechnet sie die Jury gar nicht bewegten, ließ sich nicht ermitteln. Die deutschen Filme lagen ihr näher. Jeweils einen Silbernen Leoparden gewannen "Fracticide" von Yilmaz Arslan und "3 Grad kälter" von Florian Hoffmeister. Im Videowettbewerb war Romuald Karmakars Musikfilm "Between the Devil and the Deep Blue Sea" der dortigen Jury eine besondere Erwähnung wert.

          Abschied mit Altmans „Nashville“

          Trotz anhaltenden Beifalls am letzten Abend auf der Piazza Grande war dieses Festival für die Direktorin Irene Bignardi kein glänzender Abschluß ihrer Zeit in Locarno, die bis zu diesem Jahr recht erfolgreich war. Die Nebenreihen, etwa aus dem Maghreb, aus Afrika und das Human Rights Program, überwucherten einander, so daß sehenswerte Filme in der Menge des Angebots von scheinbar immer wieder Ähnlichem untergingen. Der Wettbewerb war so schwach wie das Programm auf der Piazza Grande, dem nur die vielen alten Filme der Ehrenpreisträger ein wenig Glanz verpaßten. Auch zum Abschluß lief ein alter Film. Die scheidende Direktorin hatte sich Robert Altmans Film "Nashville" gewünscht, der nach der Preisverleihung am Samstag abend auf der Piazza vor mehreren tausend Zuschauern gezeigt wurde.

          Dreißig Jahre ist dieser Film alt, großes Kino jenseits des Mainstreams, genau die Art von Film also, der sich Frau Bignardi in ihren fünf Jahren in Locarno verpflichtet fühlte. "Nashville" hat die Jahre tatsächlich unversehrt hinter sich gebracht, obwohl der Film mit dem politischen Strang seiner Geschichte, mit Mode, Musik und Sitten deutlich in seiner Zeit verankert ist. Der Abschiedsfilm der Direktorin war also größer als das ganze Festival. Man muß daraus nicht gleich folgern, das Kino hätte seine beste Zeit seit langem hinter sich. Aber doch, daß das Festival in Locarno in diesem Jahr an das zeitgenössische Kino keine allzu hohen Ansprüche stellte.

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