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Filmfestival von Locarno : Ins Eurokino zum Frauenschauen

  • -Aktualisiert am

Eine Junggesellin im Grünen vor unscharfem Kerl, zu jeglicher Bosheit bereit: Lizzy Caplan in „Bachelorette“ Bild: Festival

Mit unwiderstehlichen Identifikationsangeboten: Das Filmfestival von Locarno macht deutlich, was das europäische Autorenkino an seinen weiblichen Akteuren hat - und umgekehrt.

          Verliebt hatte man sich bereits am zweiten Tag, auch wenn sie eine Tyrannin war, alt, gepanzert mit Chanel und Perlenketten. Eine mürrische Großbürgerin, die man in ihrer Riesenwohnung in Paris aufsuchte, ach was, die Aufwartung machte man, und war, nach nur wenigen Minuten ihres Erscheinens, verzaubert.

          Jeanne Moreau spielt diese Frau, das Filmfest Locarno präsentierte „Une estonienne à Paris“ am zweiten Tag, als gelte es ein Zeichen zu setzen: die Doyennes der Schauspielkunst dürfen nicht in Retrospektiven verdämmern. Sie gehören auf die Leinwand, weil nur mit ihnen die komplizierten und heiklen Fragen des Alterns in Geschichten zu bannen sind.

          Furiose schauspielerische Leistungen

          Moreau also in der Rolle der Anne, schnarrend und schmollend, mit einem Talent zum Abkanzeln wie sonst nur die Gorgonen aus Oscar-Wilde-Stücken, zudem aber von einer rätselhaften Zartheit, dass man sich gar nicht satt sehen konnte.

          Charmkönigin beim Turteln: Jeanne Moreau in „Une estonienne à Paris“

          Und auch die zweite Frauengestalt in Ilmar Raags Drama war eine Entdeckung: Laine Mägi als Hilfskraft, aus Estland quasi importiert, um der Pariserin als Faktotum zu dienen. Was Moreau an schnoddriger Eloquenz vorgibt, konterkariert Mägi mit einem stillen Theater der Blicke und Gesten; die Kamera studiert dieses Gesicht nicht - dass man nie genau weiß, welche Regung sich darin spiegelt - Scheu? Angst? Neugierde? - , das macht Mägis Spiel zur paradoxen Offenbarung, einem zeigenden Verbergen und Bergen von Emotion. Dass es keine „Ziemlich beste Freunde“-Erzählung wurde, nicht die Um- und Neuverteilung moralischer Ressourcen, lag an der dritten Figur: Stéphane (Patrick Pineau), ehemaliger Liebhaber von Anne.

          Ein Mann mit Schuldgefühlen, aber loyaler Hingabe, Empfindungen, die nur mit höchster Anstrengung auszutarieren sind - auch das eine furiose Darstellerleistung. Am Ende gibt es eine Klärung, in der weiterhin die Spannung lauert. Ein Blick in Moreaus Gesicht genügt, um zu wissen, dass große Kinofiguren ihr Eigenleben jenseits des dritten, Versöhnung spendenden Akts weiterführen. So wie die Bilder von Filmikonen ihre realen Vorbilder überlagern: Ein Star existiert immer in verschiedenen Zeitstufen, und wenn er imprägniert genug ist mit den Mythen des Zelluloids, werden für Momente die Seinsgrenzen brüchig.

          Locarnos neues Kinofrauenbild

          Wer war demnach realer, im poetischen Sinne: die Charlotte Rampling, die am Eröffnungsabend auf der Bühne der Piazza Grande stand? Oder jene, die man als Projektionen über die Fassaden der Palazzos wandern ließ? Die Schauspielerin erhielt den Excellence Award; was Exzellenz sei, wisse sie nicht, sagte sie auf der Bühne. Aber sie wolle, dass ihre Filme dem Zuschauer „ein gesteigertes Gefühl von Menschlichkeit“ vermittelten. So begreift sich die Künstlerin selbst: als Übersetzerin. Hier das Kino, dort unsere konkrete Existenz - und der Star als Vermittler dieser ontologischen Sphären.

          Dass das europäische Autorenkino seine weiblichen Akteure respektvoller behandelt, also länger und mit angemessenen Stoffen beschäftigt, als Hollywood, bestätigt sich mit jedem Auftritt von Jane Fonda („Das Schwiegermonster“!); das frenetische Dauerlob für Merryl Streep hat mittlerweile den Hautgout der Kompensation für eine Rollenpolitik, die Frauen jenseits der fünfzig vor allem als Mütter, Krankenschwestern oder Lehrerinnen kennt.

          Der Titel der Auszeichnung war ihr selbst ein Rätsel: Charlote Rampling erhielt den Excellence Award

          In Locarno trat nun die Schauspielerin Lizzy Caplan mit ihrer Komödie „Bachelorette“ an (Regie: Leslye Headland), und da scheint ein neues Kinofrauenbild im Schwange: die Chaotin, die all jene Dinge tut, die sonst Männern vorbehalten waren - trinken, Drogen nehmen, fluchen und den Ansprüchen bürgerlicher Integration so lang als möglich aus dem Weg gehen. Natürlich muss auch diese Generation der Spätzwanziger bis Frühdreißiger gemäß den Genregesetzen der romantischen Komödie heiraten, aber sonstige dramaturgische Standards werden deftig gegen den Lidstrich gebürstet. In „Bachelorette“ gestalten drei Freundinnen einen Junggesellinnenabend mit der Entgleisung als Stilprinzip. Enthemmter geht es kaum, am Ende wird man Zeuge der peinlichsten Liebeserklärung aller Zeiten, inklusive detaillierter Beischlafbeschreibung.

          “Wir Frauen können genauso fies sein wie Männer“, erklärt Caplan im Interview. „Nur im Mainstreamkino beharrt man weiter auf bestimmten Klischees.“ Weil sich aber die Zielgruppen wandeln und weil komplementär zur drastischen Zicke der Kindmann in der Komödie zum Helden aufgestiegen ist, schlägt nun die Stunde der, sagen wir vollmundig, starken Frau? „In den Dreißigern war das normal“, sagt Caplan. „Denken Sie an Barbara Stanwyck, Bette Davis, alles taffe Bräute. Das kommt jetzt wieder. Weil irgendwer muss die Hosen ja anhaben in einem Film.“ Und wenn Sie dann auch noch von Chanel sind wie bei Madame Moreau ...

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