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Filmfestival Venedig : Tausend Tonnen Walfett

  • -Aktualisiert am

Björkbjörkbjörk! Bild: REUTERS

Blutige Rituale im Bauch eines Walfangschiffs, kontemplative Klosterruhe und eine dicke Frau treffen in Venedig zusammen. Filme von Matthew Barney, Philipp Gröning und Steven Soderbergh beim Filmfestival.

          Manchmal, wenn es im Kinosaal ganz leise ist, kann man von draußen den Aufruhr hören, wenn die Stars zum sogenannten „Photo Call“ erscheinen. Ein paar Dutzend Fotografen schreien dann gleichzeitig nach der Aufmerksamkeit der Schauspieler, um den Augenblick zu erhaschen, wo das Auge ihr Objektiv fixiert. Letztlich schießen alle dann doch annähernd das gleiche Foto, aber das Geschrei ist so groß, als ginge es um etwas Einmaliges.

          Besonders eigentümlich klang das, als alle gleichzeitig nach Björk riefen, so daß man den Eindruck hatte, einer Entenfütterung beizuwohnen: „Björkbjörkbjörk!“ Man könnte sagen, daß das viel Quakquakquak um nichts war, wenn nicht der Film, den ihr Mann Matthew Barney gemacht hat, ein wirklich bemerkenswertes Erlebnis wäre.

          „Drawing Restraint 9“: Ein bildmächtiges, monolithisches Werk

          „Drawing Restraint 9“ ist ein weiterer Beleg dafür, daß die spannendsten Dinge im Kino zur Zeit an der Grenze zur Bildenden Kunst passieren - oder umgekehrt. Nach seinem „Cremaster“-Zyklus ist Barney ein weiteres bildmächtiges, monolithisches Werk gelungen, das im großen Kinosaal beweist, daß es tatsächlich mehr den Gesetzen des Films als der Videokunst gehorcht. Natürlich folgt dieses Horror-Öko-Musical nicht den gängigen Erzählmustern der Genres, aber die Vorgänge sind doch so geschildert, daß man zweieinhalb Stunden atemlos zusieht - und zuhört.

          Die isländische Schauspielerin beim Fototermin mit Matthew Barney, der mit „Drawing Restrait” ein bildmächtiges Werk nach Venedig mitbrachte

          Was man eine Geschichte nennen könnte, spielt überwiegend an Bord des gigantischen Walfangschiffs Nisshin Maru, wo in allerlei eigentümlichen Ritualen das traurige Schicksal der Wale verarbeitet wird. An Bord wird eine Form errichtet, in der flüssiges Fett im Laufe des Films langsam geliert, während sich unter Deck Barney und Björk in einem ähnlichen Gelee langsam mit großen Messern verstümmeln.

          Das klingt, als sei der Erzählfaden nicht gerade schiffstaudick, aber merkwürdigerweise halten ihn die seltsamen Verrichtungen der Hauptdarsteller und der Besatzung gespannt genug, um einen entsprechenden Sog zu entwickeln. Unterstützt wird das von einer Tonspur, auf der alle Klänge ihre eigene Geschichte erzählen, während Björk und ihre Mitstreiter allerlei fremde Gesänge anstimmen. Das alles mag Geduld erfordern. Doch wird man mit Bildern und Eindrücken belohnt, die anderswo im Kino nicht zu haben sind.

          „Die große Stille“: Ein Film wie eine Wolke

          Auch Philipp Grönings hundertsechzig Minuten „Die große Stille“ fordern Aufmerksamkeit, weil in seiner Dokumentation des Karthäuserklosters La Grande Chartreuse so gut wie nicht gesprochen wird. Gröning war der erste, der bei dem strengen Orden filmen durfte. Ein halbes Jahr hat er zugebracht zwischen den schweigenden und betenden Brüdern - ein kontemplativer Film ist daraus geworden, ein Film wie eine Wolke, sagt Gröning.

          Tatsächlich ist „Die große Stille“ mitunter zu wolkig, zu wenig an der Schilderung der Abläufe interessiert und zu sehr in die eigenen Impressionen verliebt. Der Film entwickelt ein schönes Gefühl für den Wechsel der Jahreszeiten, aber manchmal wünschte man sich die Aufnahmen eher länger und aufmerksamer, als sie ohnehin schon sind. Einmal werden Kutten für zwei Neuankömmlinge geschneidert, aber Grönings Interesse gilt zu wenig dem Praktischen, als daß er den Vorgang anschaulich schildern wollte. So wird nur angedeutet, wo Anlaß wäre, sich in einen Vorgang zu versenken.

          „Bubble“: Eine Fingerübung Soderberghs

          Merkwürdigerweise gelingt es Steven Soderbergh in seinem nicht halb so langen Spielfilm „Bubble“ viel anschaulicher, von der Arbeit und den Abläufen in einer kleinen Puppenfabrik in Ohio zu erzählen. Der Film ist eine jener Fingerübungen, die Soderbergh seit einiger Zeit zwischen seine größeren Hollywood-Projekte schiebt, als gelte es zu beweisen, daß er noch nicht Gefangener des Systems ist. Das Ergebnis verhält sich zu Filmen wie „Ocean's Eleven“ wie eine Kurzgeschichte zu einem Roman.

          Eine dicke Frau, ein jüngerer Kollege, eine seltsame Freundschaft, die zu zerbrechen droht, als eine junge, alleinerziehende Frau hinzukommt. Am Ende gibt es einen Mord, der so mechanisch wirkt wie die Puppenproduktion. Die Reaktionen sind seltsam fühllos, als seien auch die Menschen nur Puppen. Das ist ein wenig zynisch und ziemlich traurig - und als Film nicht wirklich aufregend.

          Verzagt, verkrampft, bestenfalls verspielt

          Überhaupt zeigen sich die bekannteren Regisseure der Wettbewerbsbeiträge nicht unbedingt von ihrer besten Seite. Oft wirken ihre Filme verzagt, verkrampft, bestenfalls verspielt - wie Kitano in seiner Selbstbespiegelung „Takeshi's“, in der er seine Karrieren als Regisseur, Schauspieler und Showmaster in einer Art Gangster-Musical-Comedy zusammenzubringen versucht. Manchmal wirken sie lustig, oft aber nur albern. Und am Ende deutlich zu lang, wie Ang Lees „Brokeback Mountain“, eine schwule Liebesgeschichte unter widrigsten Umständen. Heath Ledger und Jake Gyllenhaal als Rancharbeiter und Rodeoreiter tummeln sich in einem für homosexuelle Gefühle schwierigen Milieu. Lee ist derart auf die Leiden seiner Helden fixiert, daß nur wenig Raum für anderer Figuren bleibt. Und was eine ganz eigene Geschichte werden sollte, bewegt sich über weite Strecken auf ausgetretenen Pfaden.

          Das kann man dem Koreaner Park Chan-wook nicht vorwerfen. Sein „Sympathy for Lady Vengeance“ ist zwar schon der dritte Teil seiner Rache-Trilogie, aber immer noch von bemerkenswerter Kraft. Eine Frau wird aus dem Gefängnis entlassen, wo sie für den Mord an einem entführten Kind dreizehn Jahre lang gesessen hat. Sie kennt nur ein Ziel: Rache. Aber alle Muster, die das Genrekino für solche Geschichten bereithält, nutzt der Koreaner nur als Hülsen für einen ganz eigenen Blick und Rhythmus. So entsteht der Eindruck einer Dringlichkeit und Kompromißlosigkeit, die in anderen Beiträgen bislang so noch nicht zu sehen war. Und wenn am Ende das Blut der Rache aus einer Plastikplane in einen Eimer geschüttet wird, ist das als Bild mindestens so verstörend wie die Kannibalismus-Szene in „Drawing Restraint 9“: Björkbjörkbjörk.

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