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Filmfestival Venedig : In Texas ist der Teufel los

  • -Aktualisiert am

Matthew McConaughey als Titelungeheuer Joe in Friedkins Film Bild: Festival Venedig

Außerirdische, Ungebügelte, tote Katzen: „Killer Joe“ von William Friedkin und „Texas Killing Fields“ von Ami Canaan Mann beenden den Wettbewerb in Venedig.

          2 Min.

          Wer kennt das nicht? Man schuldet einem Kriminellen sechstausend Dollar, die eigene Mutter hat eine Lebensversicherung übers Vielfache der Summe abgeschlossen, also engagiert man einen Polizisten, der sich ein Zubrot als Auftragsmörder verdient, damit der die alte Dame liquidiert. Weil man den geforderten Vorschuss nicht aufbringt, verlangt jener indes sexuelle Gefälligkeiten von der Schwester des Klienten, und die verliebt sich obendrein in ihn, bis sich am Ende die ganze Familie in Blut und frittierten Hähnchenresten wälzt. So ulkig geht es in William Friedkins gewaltgeschüttelter texanischer Filmhumoreske „Killer Joe“ zu, mit der sich der Regisseur in Venedig Hoffnungen auf einen Goldenen Löwen macht. Und warum auch nicht?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Friedkin, der Juwelen wie „The Exorcist“ und „Cruising“ schuf, hat nichts von seinem Savoir-faire verlernt; alle plotrelevanten Dominosteine werden ebenso sauber aufgestellt wie zügig umgestoßen, und Matthew McConaughey als Titelungeheuer Joe, ein erbarmungsloser Irrer mit allerbesten Manieren, ist in der Spiellaune seines Lebens. So etwas versucht man besser gar nicht erst zu übertrumpfen.

          Die Nische fürs Subtile aber ist frei, und darin siedelt der Comicautor und Regisseur Gian Alfonso Pacinotti sein Science-Fiction-Märchen „L'ultimo terrestre“ (ebenfalls im Wettbewerb) an. Ein Kellner mit ungebügeltem Hemd (Gabriele Spinelli) lernt kurz vor der Ankunft allmächtiger Außerirdischer auf Erden alles über Freundschaft, Liebe und Treue, was der Regisseur weiß, und das ist einiges: Tote Katzen gehören nicht in den Müll; schöne Frauen sind auch nur Menschen; du sollst Vater und Mutter verzeihen, auch wenn sie komplett versagt haben. Der Film meint es durchweg gut mit den Menschen, auch da, wo sie sich danebenbenehmen.

          Sam Worthington (vorne) und Jeffrey Dean Morgen sind die Polizisten in „Texas Killing Fields”
          Sam Worthington (vorne) und Jeffrey Dean Morgen sind die Polizisten in „Texas Killing Fields” : Bild: Festival Venedig

          Dass daran oft systemische Sachzwänge schuld sind, illustriert der Hongkong-Kino-Profi Johnnie To in seinem Wettbewerbsfilm „Duo mingjin - Life without principle“, einem Leporello aus ineinandergreifenden Episoden, die Gelegenheitsgangster, Finanzmarkthasardeure und kleine Bankangestellte im Strudel lokaler Auswirkungen der jüngsten weltweiten Schuldenkrise beobachten. „Die Leute verlieren ihr Erspartes, und die Bank kassiert Bearbeitungsgebühren“, spießt eine Figur die Lage auf, bevor eine andere mit einer Dekorations-Pike erstochen wird. Der Ablauf der detailverliebt arrangierten Riesenkarambolage ist dicht, die Musik - vor allem ein federleichter A-cappella-Chor, der die einzelnen Teile des Gestecks leitmotivisch verbindet - wurmt sich flauschig ins Ohr.

          Zurück in Texas, serviert nach so viel Feinkost die in London geborene, in Indiana aufgewachsene und im Fernsehfach für Spielfilmaufgaben gereifte Regisseurin Ami Canaan Mann eine auf wahren Abscheulichkeiten basierende Frauenmassenmordgeschichte unter dem Titel „Texas Killing Fields“. Wer die Untaten begangen hat, ist dabei weniger von Belang, als wie die Sonne brennt, wie der Geier fliegt, wie die Nacht hereinbricht und zwei Polizisten, Sam Worthington und Jeffrey Dean Morgen, in einer Gegend Recht und Ordnung durchsetzen wollen, die am Rande der absoluten Gesetzlosigkeit im moralischen Nirgendwo hängt.

          Die einzige Figur, die eine Chance hat, der Verwahrlosung zu entkommen, ist ein junges Mädchen, gespielt von Chloe Grace Moretz, die hier nach „Kick Ass“ ihre nächste hypnotisch konzentrierte Leistung abliefert - die schönsten Erwartungen sind angebracht.

          Wären „Killer Joe“ und „Texas Killing Fields“ Revolverhelden statt Filme, müssten sie sich duellieren. Wie das ausgehen würde, weiß der Teufel - und vielleicht die Jury von Venedig.

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