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Filmfestival in Venedig : Wir spielen Papst

Bild: Sky Deutschland

Jude Law schließt Freundschaft mit einem Känguru, und Paula Beer findet das Glück im Louvre: In Venedig werden neue Filme von Paolo Sorrentino und François Ozon gezeigt.

          Es gibt drei Sorten von interessanten Regisseuren auf einem Filmfestival. Erstens die Debütanten, die einen anderen Ton und einen neuen Blick, manchmal auch nur einen ungewohnten Schauplatz auf die Leinwand bringen; in Venedig waren sie bisher rar. Zweitens die Altmeister, deren Werk, wie das von Wim Wenders, Terrence Malick oder Emir Kusturica, längst feste Formen und Konturen hat und nur noch ergänzt werden kann; in Venedig haben sie, denkt man an die enttäuschten Reaktionen auf Wenders’ „Schöne Tage von Aranjuez“, ihre besten Tage noch vor sich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und dann gibt es die Könner, die Virtuosen, die wilden Kerle des Kinos. Sie sind weniger berechenbar als die Altmeister und weniger originell als die Debütanten. Ihre Filme streifen mal die Grenze zum Kitsch, mal die zur bloßen Artistik. Dennoch sind sie die wahren Fürsten der Profession. Sie beherrschen alle Tricks, sogar den, auf alle Tricks zu verzichten. Ihr nächster Film kann das Gegenteil des vorigen sein oder sein Sequel. Ihre Zukunft hängt nicht an den Festivals, aber die Festivals hätten keine Zukunft ohne sie. Ihre Namen klingen nicht nach Kunst, sondern nach Erfolg. In Venedig heißen sie Paolo Sorrentino und François Ozon.

          Für Sorrentino ist der Auftritt am Lido ein Heimspiel. Seine Filme haben die italienischen Kinokassen gefüllt, sein neues Werk „The Young Pope“ wird zumindest kommerziell niemanden enttäuschen, weil es sich der Konkurrenz nicht stellen muss. „The Young Pope“ ist eine zehnteilige Miniserie, die von den Pay-TV-Sendern HBO, Canal+ und Sky Atlantic finanziert wurde. Die Großmächte des Fernsehgeschäfts kaufen im großen Stil prominente Namen ein, sie brauchen spektakuläre Bilder, und Sorrentino liefert sie ihnen. Sein Zehnteiler, dessen erste beiden Folgen in Venedig außer Konkurrenz im Wettbewerb liefen, beginnt damit, dass der neu gewählte Papst, gespielt von Jude Law, einen Albtraum hat. Zuerst steht er, wie der Held von Sorrentinos vorigem Film „Youth“, auf dem Markusplatz, aber dann steht er, wie es sich gehört, auf dem Papstbalkon im Vatikan hoch über der wartenden Menge. Er segnet sie, und dann beginnt er zu predigen: für die freie Liebe, für Verhütungsmittel, für die Priesterweihe von Frauen, für lustvollen Sex und die Rechte von Schwulen und Lesben. Die Menge starrt. Die Sonne scheint. Die Zeit steht still.

          Nach dieser Eröffnung muss „The Young Pope“ erst einmal das Tempo verlangsamen, aber Sorrentino tut alles, um den dramaturgischen Druck zu halten, den er durch die Traumsequenz aufgebaut hat. Er stellt dem jungen Papst, der als Waise aufwuchs, seine alte Ziehmutter (Diane Keaton) und einen ausgebufften Widersacher (Silvio Orlando) zur Seite. Er macht ihn zum Kettenraucher, zum Intriganten, zum Reaktionär. Er lässt ihn die Existenz Gottes leugnen. Er stellt ihn in nackter Mannespracht vor einen Spiegel und deutet zugleich an, dass Pius XIII., wie er sich nennt, nie eine Frau berührt hat. Er zieht einen Stiefbruder aus dem Hut, eine PR-Beraterin, einen enttäuschten Mentor, ein behindertes Kardinalskind. In der zweiten Stunde dieses Zehnstundenprojekts wird klar, dass nichts davon wirklich hilft. Die Geschichte kommt nicht auf die Beine, sie zappelt nur herum. Denn Sorrentino hat keinen Papstfilm gedreht, er hat nur auf teure und prunkvolle Weise mit der Idee gespielt, es zu tun. Die Figur, die er Jude Law auf den Leib geschrieben hat, ist so nebulös, dass sie sich in Luft auflöst, sobald sie aus dem Bild verschwindet. So ist „The Young Pope“ vor allem ein Erlebnis für Freunde von Kirchen-Couture, getäfelten Sälen und visuellen Fetischen geworden. Die Venus von Willendorf hat einen Auftritt als Sexobjekt für Kardinäle. Ein Känguru schließt Freundschaft mit dem Papst. Und in einer Ecke des Pontifikalbüros steht eine große, plexigläserne Weltkugel. Man kann nur hoffen, dass Jude Law in einer späteren Folge der Serie damit Ball spielt wie Chaplins großer Diktator. Das wäre wenigstens ein schönes Zitat.

          Am Set von „The Young Pope“

          François Ozons neuer Film „Frantz“ spielt im Jahr 1919. Ein junger Franzose kommt in eine deutsche Kleinstadt, um die Verlobte und die Eltern eines gefallenen deutschen Soldaten kennenzulernen. Adrien, denkt man zunächst, war der Geliebte von Frantz, dessen Grab er mit Blumen und Tränen schmückt. Aber dann ist alles ganz anders, und es zeigt sich, dass Anna (Paula Beer), die sich inzwischen in Adrien verliebt hat, allen Grund hätte, ihn zu hassen. Nachdem ihr Versuch, sich das Leben zu nehmen, gescheitert ist, fährt sie nach Frankreich, wo unsere Erwartungen an den Ausgang der Geschichte abermals düpiert werden. Doch auch die Abfuhr, die Adrien ihr erteilt, ist nicht das letzte Wort der Handlung, denn Anna findet ihr Glück ausgerechnet im Louvre, vor einem Bild von Manet, das „Der Selbstmörder“ heißt. In Wahrheit hängt es in der Schweiz. Es ist nicht die einzige gelungene Lüge dieses Films.

          Was bei Sorrentino das Hantieren mit Requisiten, Kostümen und Kulissen ist, ist bei Ozon das Spiel mit der Erzählung. Wenn man nicht wüsste, dass Ernst Lubitsch den Stoff 1932 schon einmal verfilmt hat, wurde man ihn für eine Erfindung des Franzosen halten, so listig und vertrackt schlängelt sich die Geschichte dahin. Bei Ozon ist es, als wäre die Täuschung, die allem Erzählen innewohnt, zur zweiten Natur geworden: Keinem Bild darf man hier trauen. Aber jedem von ihnen muss man glauben, denn ebenso anstrengungslos, wie Ozon den deutschen Stummfilm der zwanziger Jahre zitiert – „Frantz“ ist in Schwarzweiß mit farbigen Einschüben gedreht –, hält er unser Interesse an den Schicksalen seiner Figuren wach. Am Ende lassen wir uns doch lieber von einem Erzähler betrügen als von einem Ausstatter.

          Vier Tage lang gab es außer dem Eröffnungsfilm von Damien Chazelle keinen weiteren Favoriten für den Goldenen Löwen. Jetzt, mit „Frantz“, sind es zwei. Zur Halbzeit des Festivals ist das nicht viel. Aber vielleicht haben wir das Beste ja noch nicht gesehen.

          73.FILM FESTSPIELE IN VENEDIG

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