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Filmfestival Toronto : Auch ein Turbanträger ist thrillertauglich

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In den Schlangen vor den Kinosälen des Filmfestivals spiegelt sich die Multikulturalität wider, die auch bei den vertretenen Filmen zu sehen ist. Bild: Reuters

Das Filmfestival von Toronto zeigt Beispiele für eine neue globale Bilderordnung. Wo Kino hierzulande weiß und männlich dominiert ist, überrascht Kanada mit einer multikulturellen Frische, die hoffen lässt.

          Ein Mann und eine Frau im Bett. Die Wäsche ist weiß, der Mann ist weiß, die Frau ist schwarz. Mit diesem Bild eröffnet Steve McQueen seinen neuen Film „Widows“. Ein intimes Bild, in dem bald eine Leerstelle bleibt. Denn der Mann kommt von einem spektakulären Raub nicht zurück. Er hinterlässt eine Verbrecherwitwe: Veronica (Viola Davis) ist plötzlich auf sich allein gestellt, sie weiß nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll, außerdem ist da noch ein Politiker, der eine Million Dollar von ihr fordert aus einer Sache, mit der sie selbst nichts zu tun hatte. Ganz allein ist sie allerdings doch nicht, denn ihr Mann hatte drei Komplizen, auch sie starben bei der Explosion des Fluchtfahrzeugs, mit der McQueen seinen Film zu einem frühen Höhepunkt führt. Veronica bildet mit zweien der hinterbliebenen Frauen ein neues Team. In den Papieren ihres Mannes hat sie einen Einbruchsplan gefunden, geplante Beute: fünf Millionen Dollar. Mehr als genug für die Begleichung alter Rechnungen und für ein neues Leben.

          Mit Alice (Elizabeth Debicki) und Linda (Michelle Rodriguez) sowie der Fluchtfahrerin Belle (Cynthia Erivo) bekommen die „Widows“ das Profil einer amerikanischen Ideal- und Gegengesellschaft: Alle Hautfarben (und kulturellen Stile) vereint, nur die Männer müssen draußen bleiben (wie zuletzt schon in „Ocean’s 8“, nur kompakter). Sie werden nicht mehr gebraucht, drängen sich dann aber wieder ins Bild. Steve McQueens neuer Film war nicht nur wegen dieser expliziten Darstellung drängender Themen der mit größter Spannung erwartete Beitrag zum Toronto International Film Festival (TIFF), das am vergangenen Sonntag zu Ende ging. Auch in künstlerischer Hinsicht waren die Erwartungen hoch, schließlich gilt McQueen, der bis vor wenigen Jahren noch eher der bildenden Kunst zugerechnet wurde, seit „12 Years a Slave“ als herausragendes Regietalent.

          Amerikanisches Kino zeigt sich global

          Die hohen Erwartungen wurden dann eher in politischer Hinsicht erfüllt, denn „Widows“ ist vor allem dramaturgisch überraschend. Rund um die starken Frauen gruppiert McQueen ein großes, facettenreiches Ensemble. Er erlöst das amerikanische Genrekino aus den geläufigen Engführungen auf wenige Sympathieträger. Mit der Figur eines sinistren afroamerikanischen Regionalpolitikers (und seines brutalen Handlangers, gespielt von Daniel Kaluuya, dem good guy aus „Get Out“) zeigt McQueen ausdrücklich Lust auf kontroverse Typologie. Nachdem in Venedig gerade der Mexikaner Alfonso Cuarón mit der Netflix-Produktion „Roma“ einen Triumph zu verzeichnen hatte, zeigt sich das amerikanische Kino auch in Toronto global: Den Briten McQueen und sein Ensemble werden wir sicher bei den Oscars wiedersehen.

          Das könnte durchaus auch bei Barry Jenkins der Fall sein, dessen „Moonlight“ im Jahr 2017 in den berüchtigten Fauxpas verwickelt war, als Warren Beatty und Faye Dunaway versehentlich „La La Land“ zum Sieger ausriefen. Jenkins hat die Möglichkeiten, die sich nach dem Erfolg von „Moonlight“ boten, für eine Intensivierung seines lyrischen Stils genutzt und in Toronto einen zutiefst berührenden neuen Film präsentiert. „If Beale Street Could Talk“ ist eine Adaption von James Baldwins Roman, der in deutscher Sprache unter dem Titel „Beale Street Blues“ erschienen ist – das Originalmotiv, ein Blues-Song, wird in dieser Übersetzung zum Hauptmotiv.

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