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Filmfestival Toronto : Von alter und neuer Sklaverei

  • -Aktualisiert am

Vom freien Bürger zum Sklaven: Chiwetel Ejiofor in „12 Years A Slave“ Bild: AP

Schaulaufen für die Oscarverleihung: Das Filmfestival von Toronto geht der Frage nach, ob im Internet eine fünfte Gewalt herangewachsen ist.

          Das Festival von Toronto begann in diesem Jahr mit der Deklaration einer neuen Gewaltenteilung. „The Fifth Estate“ heißt der Film von Bill Condon, in dem zwar eigentlich nur noch einmal die Geschichte von Julian Assange und Wikileaks erzählt wird, zu der es ja auch schon den sehr ausführlichen Dokumentarfilm „We Steal Secrets“ von Alex Gibney gibt. „Die fünfte Gewalt“ stellt aber doch einen anderen Anspruch, zumindest für die Cocktailkonversation nach der festlichen Premiere. Kann man tatsächlich schon von einer weiteren Instanz in den demokratischen Öffentlichkeiten sprechen, wenn findige junge Leute Regierungsgeheimnisse ins Netz hochladen? Oder ist das nicht doch eher vierte Gewalt mit anderen technischen Mitteln? Und wo – jetzt wird es grundsätzlich – gehört dann eigentlich das Kino hin?

          Es sind Fragen, die einen durch eine ganze Woche begleiten können, wenn man sich auf einen dieser Chaos-Cinema-Kongresse einlässt, zu denen die großen Festivals zunehmend werden. Das Chaos fällt gar nicht weiter auf, es entfaltet sich in den zahllosen kommunikativen Akten, die zwischen den und manchmal auch während der Vorführungen vollzogen werden – einen Tweet absetzen, das soziale Netzwerk checken, einen Tisch reservieren, eine Einladung absagen, auf ein Fußballergebnis warten. Für alles gibt es Apps, die Filme treten dazu in eine andere Konkurrenz als früher zum Fernsehen oder vor Ewigkeiten zum Theater.

          Beim Toronto International Film Festival (TIFF) wird man auf die Fragen, zu welcher Gewalt das Kino gehört, andere Antworten bekommen als etwa in Venedig, das eine Woche früher stattfindet und dem das kanadische Festival zunehmend den Rang abläuft. Es wird auf jeden Fall eine Antwort sein, die technologischer bestimmt sein wird, auch deswegen, weil die offensive Promotion der datenstarken Projektionen jede Sehnsucht nach Aura oder gar den unmerklichen Denkpause zwischen den berühmten 24 Bildern Wahrheit in der Sekunde schnell zum Verstummen bringt.

          Repräsentanten einer neuen Macht? Benedict Cumberbatch, Carice van Houten, Daniel Brühl und Moritz Bleibtreu in „The Fifth Estate“

          „The Fifth Estate“ von Bill Condon war dann zwar nichts weiter als eine ganz normale internationale Großproduktion, mit Benedict Cumberbatch in der Rolle von Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheit-Berg, auf dessen Sichtweise sich diese Erzählung stark bezieht. Der kurze Weg von den halbklandestinen Hackerkongressen zu einer weltweit beachteten Informationsplattform wird von Condon atemlos, aber auch ohne besonderen Sinn für spezifische Medialiäten erzählt. Film heißt für Condon, dass Leute für Figuren das Gesicht hinhalten müssen.

          Einen Tag nach „The Fifth Estate“ lief in Toronto dann der Film, der prägend für das ganze Festival wurde: „12 Years a Slave“ von Steve McQueen, ein Historienfilm über die afroamerikanische Sklaverei im neunzehnten Jahrhundert, in dem Chiwetel Eijofor deutlich mehr tut, als nur für eine historische Figur das Gesicht hinzuhalten. Er spielt Solomon Northup, einen freien Bürger, der 1841 in Washington entführt und nach Louisiana verkauft wird, wo es ihm unmöglich ist, sich als der auszuweisen, der er ist. Seine Hautfarbe ist sein Schicksal.

          Kino als siebente Kunst

          Der Titel verrät bereits, wie lange Northup auf den Plantagen durchhalten muss, unter Herren wie Edwin Epps, aus dessen Unberechenbarkeit Michael Fassbender eine ziemliche Show macht. Die Befreiung kommt nicht durch den Bürgerkrieg, sondern schon früher; es ist gerade die Individualität dieses Ausnahmeschicksals, die es auf eine prekäre Weise repräsentativ macht, ähnlich wie Steven Spielberg seine Geschichte der Schoa am Beispiel der Überlebenden erzählte, die auf „Schindlers Liste“ standen.

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