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Filmfestival Toronto : Ein ernster und ein Mann allein

Als der Mann noch kein Single war: Matthew Goode und Colin Firth in Tom Fords „A Single Man” Bild: image.net

Toronto goes Hollywood: Auf dem kanadischen Festival schien es in diesem Jahr vor allem darum zu gehen, Filme zu zeigen, zu kaufen, zu sehen, die bei den Oscars eine Rolle spielen werden. Ein heißer Kandidat dafür: Tom Fords „A Simple Man“.

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          Das Beste aus Cannes und Venedig, eigene Weltpremieren, ein breites Dokumentar- und ein umfassendes Programm zum kanadischen Film, dazu Stars aus Hollywood, Meisterklassen und Partys mit sehr Berühmten und nahezu Unbekannten, das alles mit einem Publikum aus Kinogängern, unter denen die Kritiker nicht auffallen, kein Wettbewerb – das ist das Profil des Festivals in Toronto, das für eine gute Woche überall in der Stadt seine Orte findet, in Multiplexen, zwischen denen U-Bahn-Fahrten liegen, in Hotels, Museen, Universitätsräumen, Programmkinos. Ein Festival für die interessierten Massen, ein Markt vor allem für die Einkäufer aus Nordamerika, so war das mehr als dreißig Jahre lang, in denen das Festival wuchs und zunehmend Venedig aus dem Rennen zu werfen drohte.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Doch jetzt ändert sich vieles. Im nächsten Jahr soll ein Festivalzentrum eingeweiht werden, in dem sich das Geschehen konzentriert. In diesem Jahr bereits waren die Auswirkungen zu spüren, die dem Umstand geschuldet sind, dass um den Oscar für den besten Film ab sofort nicht mehr fünf, sondern zehn Kandidaten konkurrieren. Worum es in diesem Jahr in Toronto in erster Linie zu gehen schien, war also, Filme zu zeigen, zu kaufen, zu sehen, die bei den Oscars eine Rolle spielen werden.

          Empfehlungen für die Oscars

          Im vergangenen Jahr hatte das Festival sich mit „Slumdog Millionaire“ im Programm bereits für diesen Part der Oscar-Previews empfohlen, in diesem Jahr könnte „Precious: Based on the Novel Push by Sapphire“ von Lee Daniels, der via Sundance und Cannes nach Toronto kam (und den einzigen Preis gewann, der hier vergeben wird, den Publikumspreis), unter den heißen Kandidaten sein. Doch ist das wirklich eine Rolle, die für ein Filmfestival so erstrebenswert ist? Kanadische Kritiker befürchten, dass Toronto mehr und mehr vom Starkino, zu dem Teile des Independent-Kinos ja längst geworden sind, überrollt wird und kleinere, ungewöhnlichere Filme immer mehr an Gewicht im Festival verlieren könnten. Fest steht, dass in Toronto der Marketingzyklus des neuen Jahres beginnt. Und der kann dann ja auch mal die richtigen Filme in Schwung bringen.

          Zum Beispiel „A Single Man“ von Tom Ford, der hier einen Verleih fand. Colin Firth spielt die Hauptfigur George Falconer. Er kam preisgekrönt aus Venedig, und es gab keinen Film, den mehr Menschen sehen wollten als diese Christopher-Isherwood-Verfilmung eines Debütanten, der bisher nur für seine Mode berühmt war. Es ist eine Liebesgeschichte in Form einer Erinnerung an eine Liebesbeziehung zwischen zwei Männern, spielt in den frühen sechziger Jahren in Südkalifornien, und natürlich sieht das Ganze wunderbar aus, jedes Designteil im modernistischen Haus, das Firth bewohnt, hat seine Funktion, jeder noch so dicke Lidstrich (Julianne Moore spielt die beste Freundin des Protagonisten) stimmt, und dass die Anzüge einem den Atem nehmen, versteht sich von selbst. Aber es geht nicht ums Dekor und auch nicht darum, dass Falconer, ein Literaturprofessor, auch einen außergewöhnlich guten Geschmack hat. Die Genauigkeit des Regisseurs in jedem Detail reflektiert vielmehr die geschärfte Aufmerksamkeit, die mit der bodenlosen Trauer kommt, in der Falconer lebt und in der ihn immer wieder Erinnerungen an sechzehn Jahre mit seinem Partner anfallen, der tödlich verunglückt ist. Was wir neben dieser Trauer aber spüren, ist eine Intimität zwischen Falconer und seinem Freund, wie wir sie in Liebesgeschichten zwischen Männern und Frauen schon lange nicht mehr finden konnten.

          Der neue Coen-Film

          Wie die Sechziger in Amerika auch aussahen, konnte man in der schwarzen Komödie „A Serious Man“ der Brüder Coen sehen. Auch hier ist die Titelfigur ein Professor, aber er lebt weder in geschmack-, noch in liebevollen Verhältnissen und unterliegt einem Fluch aus Schtetl-Zeiten. Der Film ist eine Satire aus dem jüdischen Milieu, schärfer, als Woody Allen je war. Bei der Premiere dankten die Coens dem Festival so artig, weil all ihre Filme hier liefen, dass man die Unkenrufe über die Zukunft des Festivals kaum mehr ernst nahm.

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