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Filmfestival : Pedro Almodóvar operiert in Cannes

Du sollst aussehen, wie ich es will: Antonio Banderas als skrupelloser Chirurg mit seinem Opfer Bild: dpa

Antonio Banderas scheut als Chirurg auch extreme Mittel nicht, um das Leben seiner Frau zu retten. Doch die Frau ist schon lange tot. In Pedro Almodóvars Film „Die Haut, in der ich wohne“ fragt man sich: Wer spielt hier eigentlich mit wem?

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          Gegen Ende des Festivals, wenn die Kräfte aller erlahmen, wenn die Augen eigentlich schon mehr gesehen haben, als die Netzhaut durchlässt, nun, da die Erinnerung an die weniger interessanten Filme (es waren nicht viele in diesem Jahr) bereits verblasst - am drittletzten Tag des Festivals also bekommen wir verarmte Samurais zu sehen und lange Reden aufrechter arbeitsloser Krieger über die verlorene Ehre der Kämpfer im mittleren siebzehnten Jahrhundert zu hören.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwischendurch immer mal eine Menge Blut, wie es der Titel verspricht, und lausige 3D-Effekte. Das war „Hara-Kiri“ des Japaners Takashi Miike, der zuletzt „13 Assassins“ gedreht hat. Er wird die Erinnerung an die Filme der Dardenne-Brüder, von Aki Kaurismäki, Terrence Malick und den anderen und auch die äußerst zwiespältige an Lars von Triers „Melancholia“ nicht trüben.

          Pedro Almodóvar war deutlich origineller, obwohl er sich einige Hitchcock-Effekte nicht verkneifen wollte, und obwohl er einen Roman verfilmt hat. Angekündigt war sein Film „La piel que habito“ (Die Haut, in der ich wohne) als Thriller, und die Inhaltsangabe geht so: „Ein Chirurg scheut auch extreme Mittel nicht, um das Leben seiner Frau zu retten.“ Aber die Frau des Chirurgen, den Antonio Banderas lässig, geschäftsmännisch und ganz undiabolisch spielt, ist schon lange tot.

          Wer ist diese Frau?

          Im Zimmer neben seinem allerdings lebt hinter verschlossener Tür eine Frau in einem eng anliegenden, hautfarbenen Ganzkörperanzug, die dieser Toten sehr ähnlich sehen soll. Banderas beobachtet sie durch einen Einwegspiegel, wie sie schläft oder liest in einer Haltung wie auf einem Aktgemälde, in Seitenlage, den Unterarm auf ein Kissen gestützt, das Buch ungestützt in der anderen Hand vor die Brust haltend. Kann man so lesen? Das Buch ist von Alice Munro. Hat das eine Bedeutung? Oder zeigt es nur die augenblicklichen Lektürevorlieben des Regisseurs? Wer spielt hier mit wem? Vor allem aber steht für lange Zeit die Frage im Raum: Wer ist diese Frau?

          Die Geschichte entwickelt sich zum großen Teil in einem abgeschieden gelegenen, herrschaftlichen Haus, das der Chirurg mit seiner Haushälterin und eben der geheimnisvollen Frau bewohnt. In einem Trakt hat er einen Operationssaal eingerichtet, gar nicht geheim, seine Kollegen, andere plastische Chirurgen, bringen manchmal Patienten hierher, die völlige Diskretion wünschen. So heißt es. Und hier, im angrenzenden Labor, experimentiert der Chirurg mit der Herstellung künstlicher Haut, die gegen alle Einflüsse von außen unempfindlich sein soll. Auch wenn es, wenn der Deckel hochgeht, aus dem Trockeneiscontainer dampft, hat dieses Labor wenig Ähnlichkeit mit Frankensteins Kellergewölbe. Damals ging es ja nur darum, überhaupt einen künstlichen Menschen zu schaffen. Darüber ist Almodóvar längst hinaus. Jetzt geht es darum, einen Menschen wiederzuerschaffen, und dafür, in der Tat, geht der Doktor ziemlich weit.

          Almodóvar allerdings nicht so sehr. Er verzichtet auf viele sich anbietende Horroreffekte und setzt dafür andere. Auch die außerordentlichsten Dinge geschehen völlig umstandslos. Und dass des skrupellosen Doktors Versuchskaninchen exzellentes Yoga betreibt, spricht zumindest für die Dehnbarkeit der gezüchteten Haut. Eine Hoffnung für alle, die nach vielen Gängen über die Croisette von der Dehnbarkeit der menschlichen Haut nicht restlos überzeugt sind.

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