https://www.faz.net/-gqz-aib4f

Filmfest Mannheim-Heidelberg : Hoffentlich müssen wir auf diese Kinozukunft nicht so lange warten

  • -Aktualisiert am

Leinwandhöhle: „Il Buco“ von Michelangelo Frammartino Bild: Coproduction Office

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg ist 2021 besonders reich an Werken, von denen man noch viel hören und sehen wird.

          4 Min.

          Das menschliche Leben hat einen Verlauf, der durch zwei Momente begrenzt ist: Die Geburt ist der Eingang, der Tod ist der Ausgang. Wohin dieser Ausgang führt, ist das große Geheimnis. Einen diskreten Hinweis enthält der Film „Il buco“ von Michelangelo Frammartino, der am Wochenende beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) mit dem wichtigsten Preis, dem International Newcomer Award, ausgezeichnet wurde. Ein alter Hirte findet da den Tod just in dem Moment, in dem eine Gruppe von Höhlenforschern an den tiefsten Punkt einer Expedition gelangt.

          Frammartino erzählt von einer Erkundung im Jahr 1961 in einer wunderschönen Landschaft in Kalabrien (gedreht wurde im Nationalpark Pollino). Ein paar Leute schlagen ihr Lager rund um eine markante Öffnung auf einer Wiese auf. Sie ist ebendieses „Loch“ („Il buco“), das im ersten Bild von innen zu sehen ist, aus dem Dunkel in das Helle der Welt – eine Allegorie auf die Geburt, wie man sich später denken könnte. Auf einem Steilhang sitzt derweil ein alter Mann, der mit Esel und Schwein in der nahezu unberührten Natur in einer Hütte lebt. Ob er die Speläologen überhaupt bemerkt, ob sein Blick auf ihnen ruht, ist gar nicht klar. Offensichtlich aber ist, dass in „Il buco“ zwei Bewegungen parallel verlaufen. Immer tiefer dringen die Leute aus dem Norden in das Erdinnere vor. Gleichzeitig geht es mit dem alten Mann zu Ende. Eine Weile durchpulst das Herz noch schwach die äußersten Adern seiner Hand, dann bleibt der kaum noch merkliche Atem ganz aus. Von dem Abstieg in die Höhle bleibt eine Skizze, mit Tinte verfertigt, ein Diagramm eines ruhigen, im Detail aber durchaus chaotischen Verlaufs. Die Höhle endet auf minus 683 Metern. Das Leben des Hirten endet weiter oben und im Freien, aber auch dieses endet.

          Blick nach vorn mit „Memoria“

          Michelangelo Frammartino ist nicht im strengen Sinn ein Newcomer. Vor zehn Jahren hat er mit „Vier Leben“ auf sich aufmerksam gemacht, einem Film in einer vergleichbaren Landschaft, auch damals schon waren Dialoge und Sprache allgemein von geringem Inter­esse, stattdessen ging es um die Rhythmen der Natur und um eine Kreatürlichkeit, die auf die Krone der Schöpfung, den Menschen und seine Versuche der Weltbeherrschung, wenig gab.

          Beim IFFMH aber hat man es sich unter der neuen Direktion durch Sascha Keilholz zur Aufgabe gemacht, das Weltkino prospektiv zu durchforschen. Dieses Jahr hatte das traditionsreiche Festival seine 70. Ausgabe, für Keilholz war es die zweite. Die Namen der Sektionen lassen erkennen, worauf die Schwerpunkte gerichtet sind: „On the Rise“, „Pushing the Boundaries“, „Facing New Challenges“. Das ist einerseits internationale Branchensprache, andererseits versucht das IFFMH offensichtlich tatsächlich, zu einem günstigen Termin am Ende der jährlichen Festivalsaison den Blick zugleich zurück und nach vorn zu richten. Deutlich wurde das zum Beispiel bei „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul. Der Regie-Star aus Thailand hat dieses Mal in Kolumbien gedreht, mit Tilda Swinton in einer wie gewohnt stark verrätselten Geschichte, die sich schließlich mit eine Science-Fiction-Idee auflöst. Das Raumschiff, das sich am Ende in den Himmel erhebt, ist eines der unvergesslichen Bilder dieses Jahres, aber auch eine Chiffre für ein internationales Koproduktionskino, das mit schöner Regelmäßigkeit an interessanten Orten „landet“ und dort Festivalfilmkunst zugleich implementiert und extrahiert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Schläuche einer ECMO-Maschine auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach führen zu einem Patienten.

          Omikron in Deutschland : Zahl der Neuinfektionen erstmals über 100.000

          Das Robert-Koch-Institut hat in den vergangenen 24 Stunden 112.323 neue Corona-Fälle registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 584,4. Auch das ist ein neuer Höchststand. Gesundheitsminister Lauterbach setzt auf eine Impfpflicht ab April oder Mai.
          Schwerer Gang: Anton Schlecker (Mitte) mit seinen Kindern Meike und Lars im Jahr 2017

          Schlecker-Insolvenz : Der tiefe Fall des Anton Schlecker

          Vor zehn Jahren ging Europas größte Drogeriekette unter. Der schwäbische Patriarch verlor sein Lebenswerk. Ein Lehrstück über Beratungsresistenz, das wohl noch nicht zu Ende ist.