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Regissuer Sam Peckinpah : Bei ihm ist das Sterben nicht leicht

Steve McQueen und Ali McGraw als bankraubende Eheleute: Szene aus „The Getaway“ (1972), Pekinpahs größtem Erfolg. Bild: Ullstein

Gewalt ist für diesen Regisseur nie Selbstzweck gewesen: Das Filmfestival von Locarno widmet Sam Peckinpah eine Retrospektive.

          Es gibt Filme, die lassen sich nur in Gesellschaft aushalten. Also im Kino. Weil die Erschütterungen, die sie bereiten, allein nicht zu ertragen wären. Weil man, um nicht völlig zu verzweifeln, spüren muss, wie bei den anderen Menschen im selben Saal vor derselben Leinwand im selben Augenblick das Herz einen Schlag aussetzt, weil auch für sie ganz unglaublich ist, was sie da sehen. Dass ein Mann mit einem steifen Arm aus Versehen ein Kind erschießt. Dass eine Frau, gedemütigt von ihrem Zuhälter, lieber bei ihm bleibt, als mit dem Mann von ihm fortzugehen, der gekommen ist, um sie zu retten. Dass ein stiller Wissenschaftler Blut leckt, als er mit steigender Gewaltlust seine Frau vor einer Horde Handwerker verteidigt, die über sie herfällt. Dass immer wieder Kinder fasziniert dem Töten zuschauen, statt sich zu verstecken und der Gewalt auszuweichen. Dass ein General befiehlt, aus dem Schützengraben heraus die eigenen Leute abzuknallen. Dass fast jeder Akt des Tötens eine Unzahl unbeteiligter Toter mit sich bringt und am Ende der Schießereien nicht mehr zu entscheiden ist, welche Seite mehr Opfer zu beklagen hat. Und sich nicht sagen lässt, ob es eine Rolle spielt und wofür.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          So sind die Filme von Sam Peckinpah. Meistens haben ihn seine Zeitgenossen nicht dafür geliebt. Die Produzenten nicht, mit denen er sich fast immer anlegte und die fast alle seine Filme kürzten, manche verhunzten, denn er hatte nie das Recht auf den Endschnitt. Die Kritiker und das Publikum mochten ihn oft auch nicht. Viele seiner Filme waren Flops, als sie zum ersten Mal ins Kino kamen. Nur „The Getaway“, ein Thriller, den der Regisseur „die Geschichte einer guten Ehe“ nannte, gespielt von dem damals, im Jahr 1973, heißesten Paar Hollywoods, von Steve McQueen und Ali MacGraw, war sofort ein Riesenhit.

          Knifflige Fragen eines Wagemutigen

          Wie fast alle seine Filme ist „The Getaway“ gut über die Zeit gekommen mit seiner für Peckinpah typischen assoziativ geschnittenen Eingangssequenz, in der wortlos alles erzählt wird, was wir wissen müssen, um zu verstehen, warum Ali MacGraw mit einem schmierigen Politiker ins Bett geht, damit Steve McQueen aus dem Gefängnis kommt. Und auch dafür braucht man Gesellschaft: um gemeinsam über die Freiheit zu staunen, die sich dieser Regisseur mit seinen Filmen nahm, nicht nur in dem, was in ihnen geschieht und was uns erschreckt, sondern in der Form, die auch den Zuschauer befreit – von dem, was er gewöhnt ist und was er erwartet. Peckinpah löst die Zeit mit Erinnerungsblitzen auf, die Steve McQueen im Gefängnis in den Kopf schießen, wenn er ruhig auf seiner Pritsche liegt oder an der Teppichmaschine steht. Er verlangsamt die Bilder bis zum freeze frame, in dem die Zeit völlig stillstellt, wie am Anfang von „Pat Garrett and Billy the Kid“. Er zerschneidet das Bild in Splitscreens, in denen er Gleichzeitigkeit von unsortierten Ereignissen schafft, um eine Figur zu umreißen, etwa im Vorspann von „Junior Bonner“. Es sind Zerstückelungen, Fragmentierungen, mit denen er arbeitet, lange bevor das postmodern genannt wurde, und mit denen er uns zeigt, was eine Kamera und die Montage alles können, wenn einer da ist, der es wagt. Um bereits vor Beginn der Erzählung zu zeigen, mit wem wir es zu tun bekommen.

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